Bist Du Kriecherin oder Kriegerin?

Zugegeben, die Überschrift ist provokant. Manchmal bediene ich mich dennoch der Provokation, denn dann ist mir das Thema besonders wichtig und dann will ich Dich damit aus Deiner Komfortzone rausholen.
Seit etwa einer Woche rebelliert es in mir! Und ich möchte Dir sagen, warum. Es geht um DAS, was vielen Frauen in Kliniken mitunter zum Verhängnis wird. Es geht um Deine Rolle, Deinen Wert und WER DU BIST!

Worum geht es überhaupt?

Es geht um diesen Artikel: BRIGITTE MOM „Hautnah: Die Kraft der ersten Berührung“
In diesem Artikel geht es eigentlich um eine schöne Fotoserie und dem so wichtigem Bonding. Die Foto´s zeigen den ersten Hautkontakt zwischen Mama und Neugeborenem bzw. Papa und Neugeborenem. Wenn da nicht dieser Satz gestanden hätte, hätte ich mir die Fotos sicher bis zum Ende angesehen. Aber er stand da! Dieser Satz:

„Darum gönnen Ärzte und Hebammen der neuen Familie in der Regel diese Minuten, bevor es ans Wiegen und Messen geht.“

Wie bitte?

GÖNNEN?

Ärzte/Hebammen GÖNNEN uns den ersten Kontakt?

Ja! Ausnahmsweise darfst Du mal ein bißchen länger das Baby halten und beschnuppern …*Ironie off*

Bitte liebe Leserin, wach auf! Lass Dir solche Sätze nicht irgendwie unterjubeln. Auch wenn dieser ursprüngliche Satz nur von der Redakteurin einer Zeitschrift stammt, tust du gut daran, genauestens hinzuhören, wenn jemand über solche Rollenverteilungen spricht. Werde sensibel dafür und komm zurück in Deine Macht. Wenn Du ein Kind in einer Klinik gebären willst, dann ist es immer noch Dein Körper und Dein Kind. Du kannst grundsätzlich so lange kuscheln, wie Du willst! Du musst Dein Kind nicht abgeben, wenn Du es nicht möchtest! Du musst es auch nicht wiegen und vermessen lassen! Du kannst NEIN sagen zur ersten Musterung! Wusstest Du das? Die erste Untersuchung ist keine Pflichtveranstaltung. Schlimmstenfalls bleibt auf der Geburtsbescheinigung die Zeile Körpergewicht und Größe leer. Niemand benötigt diese Daten. Sie werden nur vom Standesamt an Behörden übermittelt, um statistische Erhebungen zum Durchschnittskind zu machen. Wenn Du aber Dein Kind eben nicht zur Musterung freigeben willst, dann kann Dich niemand dazu zwingen und erst recht nicht während der ersten heiligen Momente zwischen Dir und Deinem Kind.

„Darum gönnen Ärzte und Hebammen der neuen Familie in der Regel diese Minuten, bevor es ans Wiegen und Messen geht.“

Wahnsinn, dieser Satz klingt nach absoluter Hierarchie! Eindeutige Rollenverteilung! Dieser Satz suggeriert, wer hier das Sagen hat: nämlich Arzt und Hebamme. Die Mutter und der Vater werden mit solchen Sätzen dargestellt wie devote Untertanen, denen man zur Feier des Tages etwas gönnt.

Vielleicht fragst Du Dich, warum ich nun auf diesem einen Satz so herumreite?

Weil dieser Satz so stellvertretend ist! Stellvertretend für den Hörigkeitsglauben, der all den Frauen zum Verhängnis geworden ist, die letzte Woche ihre Geburtsberichte auf Roses Revolution geteilt haben. Da sind Storys zu lesen, die Deine letzten Taschentuch-Reserven aufbrauchen. Da geht es nicht nur um körperliche Gewalt unter der Geburt, sondern auch um verbale. Da geht es um emotionalen Missbrauch durch medizinisches Personal.

Sind alle Ärzte/Hebammen so?

Ganz sicher nicht! Doch gehst Du mit dem Selbstwert einer „Kriecherin“ in eine Klinik, und glaubst, dass medizinisches Personal über Dich und Dein Kind bestimmen darf, dann kann es passieren, dass Du in Resonanz gehst mit Menschen, die Dich und Deine Würde nicht achten.
Ich möchte nicht, dass Dir das passiert und Du Dich später fragen wirst: Warum bin ich eingeknickt? Warum bin ich nicht einfach aufgestanden? Warum habe ich das mit mir machen lassen?
Betrachte es also als meinen Hinweis an Dich,

  • achtsam zu sein
  • genau hinzuhören/hinzusehen
  • und jeden Tag an Deinem Selbstwert zu arbeiten.

Bist Du eine devote Untertanin, der man ihr Baby kurz gönnt?

Oder bist du eine machtvolle Mama, die wie eine Kriegerin ihr Baby verteidigt, ohne auch nur im Geringsten einen Zweifel zu haben, es abgeben zu müssen?

Du brauchst das Selbstbewusstsein einer Kriegerin, um die Geburt Deines Kindes so zu erleben, dass sie Dich bereichert. Du brauchst machtvolle Gedanken während Deiner Schwangerschaft. Sobald Du Gedanken denkst, mit denen Du Dich selbst klein und unwichtig machst, ziehst Du genau solche Menschen an, die Dich nicht wichtig nehmen. Arbeite an Deiner Position. Du bist keine Bittstellerin und keine Untertanin. Betrachte Dich auf Augenhöhe mit Menschen, die Dir bei der Geburt helfen sollen. Mach Dich größer! Komm in Deine Schönheit als Schöpferin!

Ich merke gerade, dass mein inneres Rebellieren weniger wird, nachdem es hier steht.  Es musste einfach raus. Mögen Dir diese Zeilen helfen, Dir selbst zu helfen.

Deine Jobina Schenk

Beitragsfoto: Screenshot Brigitte Mom

14 Gedanken zu „Bist Du Kriecherin oder Kriegerin?“

  1. Liebe Jobina!

    Was für ein toller kraftvoller Artikel. Ich hätte den nie so „angriffslustig“ hinbekommen – obwohl mir dieses Thema auch schon länger unter den Nägeln brennt. Nachdem was man letzte Woche alles bei der RosesRevolution lesen musste, braucht es mehr solche mutigen starken Artikel um Frauen darauf aufmerksam zu machen, dass SIE es sind, die die Zügel in die Hand nehmen müssen Bei ihrer Geburt. Danke für diesen Beitrag 🙂

    Liebe Grüße
    Susanne

  2. Liebe Jobina,

    Du hast so recht, mit dem was Du schreibst. Und ich finde Deine Arbeit SO wichtig. Ich habe eigentlich nichts wirklich Traumatisches oder so erlebt. Aber ich war definitiv auch keine Kriegerin. Ich hab mir bei meinem zweiten Kind sogar sehr bewusst eine Klinik ausgesucht … und dennoch. „Nein“ sagen, wird einem im Klinikumfeld echt nicht leicht gemacht. Und wenn es nur sowas ist wie, dass man 5Uhr morgens ein Kind geboren hat und dann 7Uhr nochwas aufm Zimmer nicht so wirklich Lust auf ne Physiotherapie zur Rückbildung hat oder auf ein Gespräch zur Mittagessenauswahl für die Woche …
    Du tust etwas SO wichtiges, in dem Du Frauen darin bestärkst auf sich zu hören und auch „nein“ zu sagen! Ich kann Dir gar nicht sagen, WIE sehr ich mir wünschte jemanden wie Dich damals gehabt zu haben!

    Ganz liebe Grüße,

    Ursula

    1. Danke liebe Ursula!
      Du und ich, wir erinnern Frauen JETZT an ihre Träume, und doch mussten wir erst einmal SELBST in unsere Kraft kommen. Alles zu seiner Zeit! 😉
      Ich grüße Dich ganz lieb zurück

  3. Liebe Jobina,
    danke für diesen Artikel! Du hast so kraftvoll und leidenschaftlich beschrieben, um was es eigentlich wirklich geht. Das Ja zu dir selbst. Toll!
    Liebe Grüße
    Martje

  4. Dieser Artikel ist eine Frechheit und ein Schlag ins Gesicht der Frauen, die diese Gewalt am eigenen Leib erfahren mussten. Als wären sie selbst schuld, weil sie nur eine Kriecherin waren. Pfui! Der Artikel erreicht das Gegenteil von dem was er will, Selbstbewusstsein und die Mentalität einer Kriegerin schützen niemanden davor, Gewalt unter der Geburt zu erleben!

    1. Hallo Polly,
      Es ist ok, wenn Du mit diesem Artikel nicht einverstanden bist.
      Wenn ich Dich richtig verstehe, dann betrachtest Du Gewalt unter der Geburt als eine Frage der „Schuld“.
      Schuld impliziert, dass es Opfer und Täter gibt. Ich schreibe diesen Blog für Frauen, die über das Opferbewusstsein hinaus wachsen wollen. Das geht nur über die Selbstermächtigung.
      Wer soll es sonst ändern, wenn nicht die Frau selbst?
      Ich freu mich auf Deine Vorschläge, wie Du das Problem „Gewalt unter der Geburt“ lösen würdest. ???

  5. Liebe Jobina,

    ich finde den Artikel sehr gut gelungen! Und ja, es würden sich sicherlich noch weitere -nur scheinbar- kleine Dinge finden in Broschüren oder im www, die ganz ähnlich sind wie hier das Beispiel mit dem „gönnen“. Gut, dass Du das so deutlich hervorhebst und uns wachrüttelst damit ! Viele werden ja nicht wach durch ein sanftes anstupsen a la :“ Also so geht das nicht..man sollte…“
    Worte sind sehr machtvolle Werkzeuge- zum Glück auch in die uns dienliche Richtung ! Ich höre mittlerweile sehr gut hin und bin ganz, ganz aufmerksam geworden.
    Mach weiter so Jobina- Ich finde Deinen Blog richtig klasse!

  6. Genialer Artikel, Jobina. „Gönnen“ ist wirklich das Wort, das zum Ausdruck bringt, wie es um uns Frauen steht im Geburtsprozess. Wir haben uns so verunsichern lassen, dass wir zu echten Kriegerinnen werden müssen, um den gesamten System die Stirn zu bieten. Zum Schutz unserer Würde und zum Schutz unserer Kinder. Alles Liebe! Sandra

  7. Liebe Jobina,

    ich bin grad über Femispirits Adventskalender zu dir gestolpert.

    Es ist so wichtig, was du hier schreibst! Und auch, was Lena weiter oben kommentiert hat.

    Nein, dabei geht es nicht um Schuld, sondern darum noch den richtigen Zeitpunkt zu erwischen über im System eingefahrene Strukturen hinaus zuwachsen.

    Danke für diesen Artikel!

    ~Tabea

  8. Wenn ich das lese, wird mir bewusst, dass ich unglaubliches Glück hatte – mit der Klinik, den Hebammen, den Ärzten… dass ich meine vier Geburten so ungestört und ruhig erleben durfte. Vielleicht gibt es ja Hoffnung, dass da draussen ingesamt ein Umdenken stattfindet und nicht nur auf der Insel einer kleinen, idalistisch geführten Klinik. Denn Wiegen und Messen sind wahrlich nicht lebensnotwendig, und waschen kann auch ruhig mal ein paar Tage warten und die Stunden (nicht Minuten!!) nach der Geburt sollte das Baby Haut an Haut mit seiner Mutter oder seinen Eltern ausruhen dürfen, ungestört von Ärzen oder Pflegepersonal!

    Dennoch, Jobina, sei vorsichtig mit deiner Kritik an den Frauen. Ich sehe mich selbst als selbstbewusste Frau, die weiss, was sie will und sich nicht scheut, dies auszusprechen – trotzdem weiss ich nicht, ob ich mich nicht auch im erschöpften Zustand nach der Geburt hätte überrumpeln lassen wäre ich weniger fortschrittlichen Geistern und weniger liebevollen Händen ausgesetzt gewesen! „Überrumpelt werden“ von einer Situation, über die man vielleicht nicht viel nachgedacht hatte, kann man nicht als devote Haltung bezeichnen!

    Vorausdenken ist in jedem Fall gut – wer selbst genau weiss, was er will, tut sich leichter, diese Wünsche auch durchzusetzen.
    Ich wünsche allen, denen noch Geburt(en) bevorstehen, ein ungestörtes Erlebnis, auch wenn sie sich für die Sicherheit einer Klinik entscheiden! ***Soni

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