Alleingeburtsbericht von Gastautorin Janina
Die Schwangerschaft verlief, wie die anderen auch, komplikationslos und unauffällig. Da mir dieses Mal komplett danach war, für mich zu sein, habe ich mich gegen eine Vor- und Nachsorge Hebamme entschieden. Lediglich den großen Organultraschall habe ich in der 23. SSw machen lassen, weil es der ausdrückliche Wunsch meines Mannes war. Diese Schwangerschaft war mit drei Kindern anstrengender für mich, gleichzeitig konnte ich richtig gut in meine innere Ruhe kehren und einfach nur für mich sein. Auch wenn es mein viertes Kind und meine dritte Alleingeburt werden sollte, so kamen diverse Ängste in mir hoch, zum Teil getriggert von außen, manche aber auch von mir. So belegte ich dieses Mal einen Erste-Hilfe-Kurs für Säuglinge, das gab mir schonmal ein sicheres Gefühl, beatmen zu können. Auch habe mich nochmal mehr belesen, dieses Mal kam der Rockenschaub hinzu und es half mir, fachlich nochmal eine andere Sicht auf das Geburtsgeschehen als solches zu bekommen. Ich las zum wiederholten Mal Sarah Schmids Alleingeburtsbuch und schrieb mir einen persönlichen Notfallplan.
Dann merkte ich einen Punkt, wo ich das Intellektuelle los lassen und zunehmend in meine Intuition und meine weibliche Kraft kommen wollte. Das war ab der 30. SSW so, in dieser Zeit habe ich auch mein Plakat mit Affirmationen geschrieben und aufgehängt. Im Schnitt besuchte ich ab dann ca. alle zwei bis drei Abende mein zukünftiges Geburtszimmer, machte mir immer dieselbe Entspannungsmusik an, las dabei die Affirmationen und rieb mich mit Ölen ein.
Des weiteren machte ich täglich, manchmal auch mehrmals täglich Übungen, um die Kindslage zu optimieren und genug Platz im Becken zu schaffen. Ich stellte mir die Geburt vor, aber dieses Mal bekam ich kein so klares Bild wie bei der vorherigen Geburt, ich wusste nur, diese Geburt geht schneller voran (die anderen dauerten 16, 9 und 8 Stunden).
Ich habe mich dieses Mal noch intensiver auf die (Allein-) Geburt vorbereitet und finde es persönlich wichtig, mit einem gewissen Respekt und Vorbereitung an das Thema ran zu gehen. So habe ich mich osteopathisch behandeln lassen, hatte eine Einzelstunde bei meiner Cantienica Lehrerin, die mir gezielte Übungen für das letzte Trimester und das Wochenbett mit gab. Ich achtete auf eine gute Körperhaltung, ging regelmäßig walken oder spazieren und achtete auf eine besonders nährstoffreiche und im letzten Trimester fast zuckerfreie Ernährung.
Da mir der Osteopath 10 Tage vor ET sagte, dass nicht nur mein Bauch schon sehr tief, sondern auch mein Bauchnabel abgesackt sei, und er damit rechne dass es bald los gehen würde, war ich innerlich auf einen baldigen Beginn der Geburt eingestellt. Mein Bauch war riesig und ich ahnte dass das Kind kein Fliegengewicht sein würde. Tage verstrichen, ich hatte immer mal wieder Wehen, aber nicht intensiv und sehr unregelmäßig. Zwei Mal dachte ich, die Geburt würde nun los gehen, aber dann ging es nicht weiter. Der ET verstrich, und meine Geduld auch so langsam. Ich mochte nicht mehr, außerdem war ich so gespannt wer da zu uns kommen würde.
Als mein drittes Kind dann noch krank wurde und ich eine Nacht kaum geschlafen habe, wurde ich leicht verzweifelt. Dann merkte auch ich dass mein Körper zu schwächeln anfing, die Nasennebenhöhlen machten sich bemerkbar. Ich rief in der Apotheke an und fragte, ob es sinnvoll wäre jetzt schon etwas pflanzliches zu nehmen, damit schnell alles raus kommt. Die Frau sagte, besser nicht, es könnte viel mehr an Erkältung in Gang gesetzt werden als die Natur von sich aus machen würde. Und dieser Satz hat mich motiviert. Sie riet mir noch mit Salzwasser zu inhalieren, was ich tat und innerhalb weniger Stunden ging es mir besser. Ich kam wieder raus aus meiner Angst, krank gebären zu müssen, und fühlte mich stark.
Es waren nun 2 Tage nach ET, meine Wehen wurden gegen Abend intensiver und regelmäßiger. Um 19.30 Uhr waren die Wehen schon so intensiv, dass ich mich dabei bewegen musste. Unsere Söhne haben wir zeitig ins Bett gebracht, unsere Tochter war noch auf. Ich war unten für mich, machte mir Musik zum Tanzen/ Bewegen an und wehte vor mich hin. Gegen 22 Uhr schrieb ich meiner Mutter, dass es unangenehm ist und krabbelte auf allen Vieren zum Dachboden hoch, um meinen Mann zu informieren, dass ich ihn nun unten haben möchte.
Ich mochte die Wehen nicht mehr im Stehen begleiten und die Musik mochte ich auch nicht mehr. Ich machte meine Schwangerschafts-Entspannungsmusik an und legte mich seitlich auf eine Matratze. Mit den Füßen konnte ich dabei gegen das Sofa drücken, der Gegendruck war bei jeder Wehe angenehm. Ich war ganz kurz an einem Moment, dass ich innerlich fluchen und mir Leid tun wollte, aber dann habe ich selber beschlossen mich nicht in der Opferrolle zu sehen. ICH habe hier die Macht und lenke das Geburtsgeschehen, sagte ich mir. ICH bin hier die Königin. Ich stellte mir, wie in der Vorbereitung so oft geübt, vor, wie ich über einen Bach hinweg steige, immer wieder. Der Bach symbolisiert dabei für mich die Phase in der Geburt in der man nicht mehr mag, flucht und sich wie ein Opfer fühlt.
Einige Wehen bin ich also über den Bach gestiegen und es war ab da deutlich besser anzunehmen. Letzten Endes bin ich so bei dieser Geburt nie an den Punkt gekommen, wo ich dachte, ich schaff es nicht mehr, ich will ins Krankenhaus, ich finde alles scheiße, usw.
Erschöpft war ich trotzdem und ich freute mich auf das Ende. Meinen Mann hatte ich in der Zwischenzeit gebeten, im Wohnzimmer zu warten.
Plötzlich veränderten sich die Wehen, es gab einen deutlichen Druck nach unten und ich konnte langsam mitschieben. Kurz darauf machte es plopp und ein Schwall Fruchtwasser ergoss sich unter mir. Das hat mir unglaublich Motivation gegeben, wusste ich ja, dass ich mich dem Finale näherte. Mit der folgenden Wehe ging dann auch der Schleimpropf ab. Meinen Mann bestellte ich zu mir, er saß mit im Zimmer, an die Wand gelehnt. Aber das fühlte sich nicht gut an, ich wollte eigentlich doch lieber alleine sein. Ich bat ihn, vor meinem Geburtszimmer zu sitzen und dort zu warten.
Es folgten einige Wehen mit leichtem Pressdrang. Immer wieder fühlte ich nach dem Kopf, aber außer, dass es sich alles geöffnet und weich anfühlte, war nichts zu ertasten. Die Verschnaufpausen zwischen den
einzelnen Wehen taten gut und ich trank immer wieder etwas Wasser. Und dann kam er, der intensive Pressdrang. Ich rief laut: „Komm!“, wusste aber nicht, ob ich meinen Mann oder das Baby meinte. Mein Mann kam dann rein und setzte sich hinter mich. Es war unglaublich kraftvoll. Es tat nicht direkt weh, aber fühlte sich so anstrengend an. In den Wehenpausen hatte ich schon das Gefühl, dass ich nicht mehr mag, es war alles ziemlich anstrengend, aber ich wusste, dass ich mit jeder
Wehe in so einen animalischen Zustand falle und einfach das tun kann, was mein Körper macht und ich das in dem Moment dann gut aushalte weil eben mein Gehirn ausgeschaltet ist. Es dauerte zwei bis drei sehr intensive Presswehen, dann fühlte ich das Baby, wusste aber nicht ob es nur der Kopf oder der ganze Körper geboren war. Ich fühlte, es war der Kopf. Da mein Mann in genau diesem Moment bei Kind 2 Panik bekam weil der Kopf blau und der Körper noch nicht geboren war, sah ich zu, dass der Rest zügig hinterher kommt. Instinktiv stellte ich das linke
Bein auf, schob nochmal ordentlich mit, um kurz danach das charakteristische Röcheln eines frisch geborenen Menschen zu hören.
„Hallo Kleiner!“, höre ich meinen Mann sagen. Ok, ein Junge denke ich (der Wunsch nach einem Mädchen war riesengroß, aber ich mochte mir das nicht eingestehen). „Soll ich sie dir durchreichen?“, fragt mein Mann. „Sie? Wieso sie? Es ist doch ein Junge!“, sagte ich und schaute nach unten, wo das Baby hingehalten wurde. „Nein, es ist ein Mädchen!“,
sagte mein Mann. Ab da konnte ich nicht mehr. Ich sah dieses wunderschöne kleine Gesichtchen, diese perfekte Mininase, den kleinen Mund und dann höre ich, dass wir tatsächlich noch eine Tochter bekommen haben. Ich bin so voller Freude und Emotionen, dass ich einen Moment brauche, bis ich die Kleine nehmen kann. Ich kann mein Glück einfach nicht fassen. Jetzt haben wir zwei Söhne und zwei
Töchter!
Völlig blutverschmiert lege ich mich auf die Matratze, die Kleine möchte sofort nuckeln und auch so schnell nicht wieder aufhören. Ich bekomme heftige Nachgeburtswehen und möchte die Plazenta gebären, aber es ist schwierig, da die Kleine nur nuckeln möchte und als ich sie meinem Mann gebe, ist mir die Nabelschnur im Weg. Wir warten etwa 50 Minuten, dann durchtrennen wir die Nabelschnur.
Ich versuche immer wieder, die Plazenta zu gebären. Ich presse, ich hocke mich hin, ich ziehe leicht an der Nabelschnur, aber ich kriege die Plazenta nicht raus. Die Nachgeburtswehen werden immer unangenehmer, vor allem mit dem Saugen der Kleinen. Ich gehe in die Dusche und versuche mein Glück dort weiter, aber auch hier ohne Erfolg. So langsam verzweifle ich. Es tut übelst weh, es fühlt sich unangenehmer an als die Geburt des Kindes. Ich bin müde und erschöpft und will nur mit meinem Baby kuscheln. Mein Mann macht sich langsam Sorgen, weil ich blass bin und zittere. Ich beschließe, dass wir trotzdem nach oben gehen und ich mich dort ins Bett lege und warte bis die Plazenta irgendwann kommt. Ich sage meinem Mann, dass ich bis zum Morgen warten würde. Er ist nicht überzeugt, er ist unentspannt. Er nimmt die Kleine ins Handtuch gewickelt und verlässt den Raum mit ihr. Es folgt eine erneute, sehr intensive Wehe und plötzlich kann ich endlich loslassen. Ich lasse die Wehe kommen, und fühle meinen Bauch, ob sich da nicht doch ein zweites Kind versteckt, es fühlt sich so intensiv an wie bei der normalen Austreibungsphase. Ich will einfach nicht mehr, gebe aber nun dem Drang zu pressen nach, es brennt kurz und endlich flutscht eine ziemlich große Plazenta aus mir raus. Ab da geht es mir besser, das
Zittern hört auf.
Wir wiegen die Kleine, was nur mit Küchenwaage nicht ganz einfach ist: 4400 Gramm. Mein schwerstes Kind. Oben gehe ich normal duschen,
ziehe mich und die Kleine an und wir legen uns endlich ins Bett. Schlafen kann ich den verbleibenden Teil der Nacht nicht, ich bin viel zu berauscht. Immer wieder muss ich mein hübsches Mädchen anschauen und die Atmung kontrollieren.
Eine Nachsorgehebamme habe ich dieses Mal nicht. Auch das war ein Weg, hier die Verantwortung inklusive aller Ängste und auch Zweifel selber in die Hand zu nehmen. Das schwere Baby und der schon lange vor Geburt tief sitzende Bauch haben meinen Beckenboden und die untere Bauchmuskulatur sehr beansprucht und es dauerte etwas, bis sich wieder alles zurecht gelegt hat und ist zum Teil auch einige Wochen nach der Geburt noch im Prozess.
Ich bin so stolz auf meinen Mann, der das alles so toll, so respektvoll und nach meinen Wünschen und Bedürfnissen passend begleitet hat. Und unserem Baby, unserer bezaubernden Tochter, bin ich so dankbar, dass sie sich den Weg zu uns gesucht hat.
Nachtrag: Ich habe neulich den Geburtsbericht meines ersten Kindes gelesen. Die Geburt fand im Geburtshaus statt. Die mich betreuende Hebamme hatte mir nach der Geburt gesagt, sie habe mich und meinen Mann immer wieder alleine gelassen, weil sie bemerkt hatte, dass meine Wehen immer schwächer wurden, sobald sie mit im Raum war. Das war für mich nochmal gut zu lesen, dass es tatsächlich so ist, dass ich unter der Geburt alleine und geschützt sein muss, um wirklich loslassen
zu können.
Text © Janina D.
Meine vorherige Alleingeburt findest du hier:
https://meisterin-der-geburt.de/mein-baby-ist-da-ich-habe-mein-baby-geboren