Veto zu BZ-Kolumne: Die Alleingeburt – Eine neue Strömung

Weil ich jetzt mehrfach von Euch, meinen Leserinnen, auf die Kolumne Die Alleingeburt – eine neue Strömung in der Berliner Zeitung aufmerksam gemacht und angefragt wurde, ob ich dazu nicht was schreiben möchte: … 

Ja, möchte ich! Und zwar drei Punkte:

Erstens:

Wenn es doch keine offiziellen Zahlen gibt, wieviele Frauen in Deutschland eine Alleingeburt planen und durchführen, warum wird dann immerzu von einem Trend, einer „Strömung“ oder einem „neuen Hit” gesprochen? Das klingt nach einer verrückt großen Anzahl Schwangerer, die diesen Gebärweg planen! In meiner kumulativen Erfassung finden sich jedoch nur knapp 120 geplante Alleingeburten/Jahr in Deutschland.

Laut der Gesellschaft für Qualitätssicherung in der Ausserklinischen Geburtshilfe, QUAG e.V., werden auch nur 1-2% der Kinder außerhalb einer Klinik geboren. Mit der ausgewiesenen Differenzspalte könnte versucht werden, den tatsächlichen Alleingeburten auf die Spur zu kommen. Vielleicht waren diese Geburten aber auch hebammengeleitete Hausgeburten, welche der QUAG, aus welchen Gründen auch immer, nicht gemeldet wurden?

Die außerklinische Geburt ist also generell eine Minderheit in Deutschland. Die außerklinische Geburt ohne Hebamme, die Alleingeburt, ist noch minderer.

Zweitens:

Lohnt sich aufgrund des Minderheiten-Status überhaupt das Thema Alleingeburt in einer Kolumne aufzugreifen?

Gute Frage. Vielleicht … weil die Verfasserin der Kolumne eine Hebamme ist, die die Schwangeren vor dieser Geburtsoption warnen will? Immerhin hält sie „Wille und der Glaube an die Kraft der Natur“ als nicht ausreichend „um ein Kind auf die Welt zu bringen.“ und warnt: „Doch das ist ein Trugschluss.“

Ich möchte gerne zurückfragen: „Warum ist das ein Trugschluss?“

Wie hoch ist denn die Komplikationsrate bei Alleingebärenden? Wieviele Mütter und Kinder nehmen denn bei Alleingeburten einen gesundheitlichen Schaden? (Im Sinne des Outcome bzw. der Morbidität?) Und wieviele Mütter oder deren Babys sterben denn tatsächlich bei einer Alleingeburt in Deutschland? Und da hätte ich sehr gerne mal einen Vergleich der Mortalitätsrate zwischen Klinik, Geburtshaus, Hausgeburt und Alleingeburt. Denn erfahrungsgemäß gibt es in keiner dieser Gebäroptionen ein garantiertes Überleben. „Schicksalhaftes Geschehen“ kommt auch in den besten Krankenhäusern vor.

Wie gefährlich ist nun die Gebärform ohne Hebamme und ohne Arzt? Ach, ja … da war sie wieder! Die fehlende Datenlage! Wir haben ja keine offiziellen Zahlen und Daten von Alleingeburten, um diese mit anderen Geburtsformen zu vergleichen, richtig?

Nun, weil auch die Kolumnenschreibende Hebamme der Berliner Zeitung keine evidenzbasierten Daten vorweisen kann, bedient sie sich zweier Tricks, um ihre Warnung zu untermauern: „Afrika“ und „Früher“.

(Wer mein Buch Meisterin der Geburt gelesen hat, weiss, dass der Afrika-Vergleich und der Früher-Vergleich gern hergenommen werden, um uns auf der emotionalen Ebene zu beeinflussen.)

Auch in besagter Kolumne fällt ganz beiläufig die Afrika-Warnung: „Am liebsten würde ich an dieser Stelle all meine Geschichten aus dem Südsudan erzählen, wo Frauen gar nicht die Wahl haben …“

Ok. Diese Hebamme hat offensichtlich im Südsudan Erfahrungen gesammelt, die sie gewiss geprägt haben. Doch an diesem Punkt erlaube ich mir einen vehementen Einspruch:

Die durchschnittliche Südsudanesin, die (genitalverstümmelt, zehn- oder dreizehnjährig im Austausch für 3 Rinder zwangsverheiratet, unterernährt,  abgeschnitten von einer Trinkwasserversorgung und Möglichkeiten einer Grundhygiene, religiös indoktriniert und höchstwahrscheinlich sehr uninformiert in einer Gesellschaft von 65% Analphabeten) ein Kind gebären MUSS, mit einer in Deutschland lebenden Gebärenden zu vergleichen? Ist das ein ernsthafter Vergleich? Ist das ein wissenschaftlicher Vergleich?

Liebe Leserin, du möchtest Die Situation der Frauen im Südsudan nachlesen? Bitte tue das. Und dann frage Dich, ob irgendetwas dieser Frauen mit DEINER Situation gleich setzt. Trifft irgendetwas davon auf Dich und Dein Lebensumfeld zu?

Warum werden wir Frauen in der Entscheidung der freien Wahl des Geburtsortes mit solch unwissenschaftlichen Vergleichen verängstigt?

Drittens:

In der Kolumne wird von zwei misslungenen und abgebrochenen Alleingeburten erzählt, die dann im Kreißsaal bzw. im OP gelandet sind.

Ja, es gibt sie. Die Frauen, die von ihrem Plan einer Alleingeburt wieder abweichen. Meiner kumulativen Studie nach sind es 7-9% pro Jahr.

Ist es schlimm, eine Alleingeburt abzubrechen? Nein! Und diese 7% der Frauen zeigen, wie vernünftig und verantwortungsvoll Alleingebärende mit ihrem Leben und dem des ungeborenen Kindes umgehen. Dass sie im Moment des Wahrnehmens von “Hier stimmt was nicht”, ihre Hebamme zur Geburt dazu rufen, den RTW alarmieren oder gleich selbst ins nächste Krankenhaus fahren. Offenbar sind Alleingebärende doch nicht so egoistisch wie sie in der Presse gern dargestellt werden.

Es ist ok, wenn eine Frau von ihrem Plan einer Alleingeburt abweicht. Es ist ok, wenn sie sich der medizinischen Hilfe bedient. Und es ist auch ok, sich darüber zu ärgern, wenn es nicht so geklappt hat, wie frau es sich vorgestellt hat.

“Jetzt freu Dich gefälligst, dass Du zwei stramme und kräftige Babys geboren hast!” und “Sei dankbar!” ist vielleicht genau diese übergriffige Bevormundung, die Frauen von Kliniken fernbleiben lässt. Aber nur eine Minderheit.

Jobina Schenk

Hier findest Du die Fragebögen zur Erfassung einer Alleingeburt: Link

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