Haben Mediziner noch Demut vor der natürlichen Geburt?

Sie hat es wieder getan! Alleingeburt-Pionierin Sarah Schmid hat mal wieder ohne medizinische Hilfe geboren. Und dieses Mal sogar Zwillinge! Die Bild-Zeitung berichtete. Die Leipziger Volkszeitung berichtete.

Und wie es sich gehört, wird zu jedem Thema eines Zeitungsartikels schnell noch ein Experte befragt. Die Leipziger Volkszeitung befragte eine Oberärztin aus der Frauenklinik Mainz, welche selbst Mutter von zwei Kindern ist. Zitat: Den Wunsch allein zu gebären, hält die zweifache Mutter für egoistisch und verantwortungslos. „Auch das Kind hat schließlich das Recht auf ein gesundes Leben.“ Stecke das Kind im Geburtskanal fest, habe ein Arzt drei bis vier Minuten, um zu handeln – deshalb sei schnelle, medizinische Hilfe im Notfall wichtig.

Da war sie wieder! Die Verantwortungslos-Keule! Und die Egoistisch-Keule! Jede Andersgebärende kennt diese beiden Keulen, die da einfach auf uns drauf gedroschen werden. Im Grunde sind es ja nur Totschlag-Argumente, um herauszustellen, dass man eben anderer Meinung ist und neben der eigenen keine weitere Meinung akzeptiert und jegliche Diskussion einfach tot schlägt. Und eigentlich jucken mich solche Sprüche auch gar nicht mehr. Und doch bewegt mich diese Aussage der Oberärztin tief in meinem Inneren und ich frage mich: Wo ist die Demut?

Wo ist die Demut?

Was ist los mit der Ärzteschaft? Warum kann die befragte Oberärztin, und viele ihrer ärztlichen Kollegen auch, nicht inne halten und demütig die Leistung dieser Gebärenden in voller Größe anerkennen? Was hält sie davon ab, ihre eigenen Denk- und Verhaltensweisen, wie eine Geburt abzulaufen hat, einfach mal zu hinterfragen?  Zu überlegen, wer die tatsächliche Verantwortung dafür trägt, wie gut ein Kind in dieser Welt ankommt? Wo ist diese geistige Aufgeschlossenheit wie ich sie mir von einem Menschen erwarte, welcher andere heilen will?

Sarah Schmid´s Geburtsvideo soll laut Bild-Zeitung “weltweit einzigster Film einer Alleingeburt von Zwillingen” sein. Ist das dann nicht das beste Lehrmaterial was einem aufgeschlossenen Mediziner in seiner Laufbahn begegnen kann? Und stellt sich da einem nicht die Frage: WIE MACHT SIE DAS NUR?

Wenn ich mir vorstelle, eine Geburtsmedizinerin zu sein und Sarahs Video ansehen würde, dann würde das sicher meine im Studium erlernte Entbindungs-Sicht auf den Kopf stellen. Aber bevor ich vorschnell urteilen würde, bliebe mein Mund offen stehen und in meinem Kopf würden sich unheimlich viele Fragen auftun:

Wie hat diese Mutter sich im Vorfeld vorbereitet und was davon könnte ich meinen eigenen Patienten mit auf den Weg geben? Wie ernährt sie sich? Wie gestaltet sie ihren Tag? Woher nimmt sie diese Zuversicht, ihre Schwangerschaften und Geburten in Eigenregie zu führen? Welche Gedanken denkt Sarah Schmid? Übt sie? Atmet sie bestimmte Techniken?

Warum steht diese Gebärende unter den Presswehen? Woher nimmt sie die Kraft, um in dieser Position 2 Kinder zu gebären? Sind meine gewohnten Entbindungspositionen, in die ich meine Patientinnen verfrachte, überhaupt richtig? Macht es vielleicht Sinn, der Gebärenden zuzutrauen, dass sie selbst ihre intuitive Gebärposition finden kann? Sollte ich vielleicht auf alles verzichten was ihren Bewegungsrahmen einschränkt? Der Muttermund-Untersuchungen und der CTG-Überwachung in Rückenlage abschwören zugunsten einer sich frei bewegenden Mutter? Die Peridualanästhesie gar nicht erst vorschlagen, damit sie gegebenfalls auch stehend gebären kann?

Muss ich unbedingt als Geburtshelferin die Erste sein, die das Baby berührt, oder können auch die Mutter selbst oder der Vater das Kind in Empfang nehmen, so wie die Schmid´s? Kann ich vielleicht meine eigenen Patientinnen im Vorfeld anleiten, wie sie ihr Kind selbst in Empfang nehmen können und damit das Bonding von Anfang an unterstützen?

 

Wie ist es eigentlich möglich, dass Sarah Schmid ihre Zwillinge bis zur 41.Schwangerschaftswoche ausgetragen hat? Sind die Kaiserschnitte und Geburtseinleitungen, die ich meinen schwangeren Zwillingsmüttern empfehle, richtig? Bei absoluten Kontraindikationen (wie z.B. Querlage) ja, aber was ist mit den relativen Kontraindikationen? Ist die Kaiserschnittrate von 30-50% aller Zwillingsschwangerschaften wirklich gerechtfertigt? Aus medizinischer Sicht betrachten wir Zwillinge bereits früher als “ausgereift” und sie werden durchschnittlich nach 37 Wochen geboren. Wie ist es möglich, dass Sarah Schmid ihre Babys bis in die 41. Schwangerschaftswoche (40+3) getragen hat und beide Kinder noch mehr als genug Käseschmiere aufweisen, also keineswegs als “übertragen” gelten können?

WIE hat diese Frau das gemacht? Was alles ging dieser tollen Geburt voraus? Sie muss doch gewisse Schlüssel kennen, mit denen sie ihre 8 Kinder ohne Komplikationen geboren hat? Warum gab es bei keiner ihrer Alleingeburten eine Komplikation? Wie geht das? Mit welchem Bewusstsein geht sie in die Geburt? WIE manifestiert sie sich so einfache und schnelle Geburten? Woher erlangt sie dieses hohe Maß an Konzentration, um -trotz Anwesenheit einer Geburtsfotografin und aufgestellter Kamera- so gut zu gebären?

Und selbst wenn ich zu dem Entschluss käme, dass ich an meinen beruflichen Denk-, Verhaltens- und Handlungsweisen als Arzt nichts ändern werde (weil ich mich an medizinische Standards halten muss, die vielleicht sogar überholt; aber versicherungstechnisch nicht anders umsetzbar sind), steht es mir dann zu, Andersgebärende zu kritisieren? Sie als verantwortungslos und egoistisch zu betiteln? Wo doch jegliche Beweislage einer kontrollierten Studie fehlt, welche beweisen würde, dass Alleingeburten wirklich so gefährlich sind?

Und wie wird sich meine öffentliche Meinung auf meine eigenen Patientinnen auswirken? Werden sich diese noch unbedarft in meine Hände begeben, wenn sie befürchten müssen, dass ich sie für ihre eigene Meinung verurteile?

Puh, ja … also ich würde mir diese Fragen stellen, wenn ich Oberärztin an der Frauen-Klinik wär. Ich würde Sarah Schmid nicht öffentlich demütigen, sondern in Demut nachfragen, ob sie mir helfen kann ein besseres Verständnis für ihren Gebär-Weg zu bekommen und ich würde schauen, was ich von ihr lernen kann, damit meine Patientinnen auch traumhaft schön gebären können. Aber gut. Ich bin ja keine Geburtsmedizinerin.

Ich darf Sarah Schmid für ihre doppelte Meisterleistung feiern und mich mit ihr freuen. Und ich möchte ihr an dieser Stelle aufrichtig danken für jedes ihrer Alleingeburten-Videos, von denen wir lernen können, was eine wirklich natürliche Geburt ist. Ich für meinen Teil werde beim Anblick einer puren natürlichen Geburt immer zutiefst demütig.

Jobina Schenk

 

 

Hier gehts zu Sarah Schmid´s YouTube-Kanal: Klick

 

7 Gedanken zu „Haben Mediziner noch Demut vor der natürlichen Geburt?“

  1. Oh wie schön und respektvoll geschrieben. Wieso kann die Welt nicht immer SO miteinander umgehen. Vielen Dank für diesen Beitrag. Ich hoffe er erreicht viele viele viele von den “Geburtsmedizinern”, welche eben “nur nach dem gelernten System” arbeiten und denken. Es ist kein Vorwurf, sie haben es so vermittelt bekommen und ja, versicherungstechnisch ist es nicht wirklich leicht umzusetzen, was eigentlich der Natur entsprechen würde… Aber irgendwo muss der Sinnes – und Gedankenwandel beginnen. Und auch bei den zukünftigen Muttis, muss endlich das eigene Denken wieder beginnen, die Intuition. Nicht immer nur das zu tun, wie es eben alle tun, ohne zu hinterfragen, ob es auch richtig ist, ob es für “mich” selbst richtig ist.
    Ich hoffe, so viele Menschen mögen es lesen und wieder anfangen selbst für sich zu denken und zu hinterfragen.
    Vielen Dank von Herzen

      1. Ich finde es zu respektieren , wenn Sie sich der Risiken bewusst sind und in aller Konsequenz bei Komplikationen die volle Verantwortung hierfür übernehmen. Es ist so auch für Geburtshelfer um ein Vielfaches einfacher als die Fraktion, welche eine natürliche Geburt mit dreiseitigem Wunschschreiben in einer Klinik anstrebt. Ein Blick über unsere übervollen Teller zeigt jedoch auch, dass diese ganze verlogene gelebte Natürlichkeit nichts mit dem zu tun hat was sich in einem anderen Land abspielt in dem vielleicht eine Frau unter der Geburt verstirbt weil es für sie keine medizinische Versorgung gibt. Vielleicht hätte diese Frau gerne mit Ihnen getauscht aber leider suchen wir uns nicht aus wo wir geboren werden.
        Ich respektiere und bewundere Ihre Entscheidungen und die der anderen Mütter, es ist zweifellos ein sehr schönes Erlebnis um das ich Sie beneide und so kommt es vielleicht, dass wir Geburtsmediziner irgendwann einfach mal gebraucht werden und nicht als Babysitter für Frauen, die eben nur ein bisschen natürlich gebären wollen.

  2. Wer verstanden hat, dass Krankheiten , wie auch Geburtskomplikationen aus eigenen inneren Konflikten erwachsen, der weiß, dass Ärzte und Hebammen das Problem erst hervorrufen (Mutter / Eltern geben eigene natürliche Verantwortung an Dritte, außerhalb der Familie ab, was zum inneren natürlichen Konflikt führt), welches sie dann mit viel Tam- Tam versuchen zu lösen, und zu oft dabei scheitern!

    Unsere ersten drei Klinikgeburten verliefen mit schweren, Komplikationen. Die 4. mit 42 Jahren als Alleingeburt, ohne Vorsorge, ohne Krankenkasse, ohne alles, ohne jede aufgeregte Vorbereitung, mit Selbstvertrauen, war phantastisch. Nicht ein einziges Problem!

    Und dieses süße Mädchen wird bald 3 Jahre und war (im Gegensatz zu seinen älteren Schwestern) in seinem Leben nicht ein einziges mal krank, geschweige denn, weiß sie was ein Arzt ist. Zudem gehört sie (mutmaßlich als erstes europäisches Kind) nur sich selbst!

    https://freiefamiliedresden.wordpress.com/2019/04/19/raetsel-um-den-heiligen-gral-geloest-karfreitag-2019-dresden/

    Liebe Grüße aus Dresden

    1. Sie sollte einfach auswandern oder mit einem Flüchtling tauschen in seine Welt. Um ehrlich zu sein kippt das Gleichgewicht der Erde durch unser Verschulden und unsere Überbevölerkung, wann haben Sie Hunger leiden müssen oder Mangel als dass Sie es sich erlauben können so von Natürlichkeit sprechen zu können. Die Geburtshilfe in den Krankenhäusern ist nichts woraus ein Gewinn erziehlt wird daher schliessen auch immer wieder Geburtskliniken und auch Hebammen sind Mangelware. Glauben Sie mir ein Arzt ist Ihnen überaus dankbar wenn Sie ihn nicht aufsuchen, Sie machen Ärzte für Komplikationen schuldig welche vielleicht in Ihnen selbst gelegen haben . Es ist auch oft so, dass ein geweiteter Gerbutskanal und ein rascher Geburtsfortschritt bei Folgeschwangerschaften den Anschein erwecken können dass alles komplikationslos verlief. Seien Sie mit sich eins und lassen Sie die Medizin los so lange Sie meinen hier die Welt informieren zu müssen so lange nehme ich Ihnen Ihr Reden nicht ab . Meine Kinder sind geimpft und waren bislang ebenfalls nicht krank , ich bin dafür dankbar und brüste mich damit nicht als wäre es mein Verdienst und mit Verlaub Ihre Kinder gehören nicht sich selbst sie benutzen Sie für Ihre Gedanken und Sie werden davon nicht frei sein oder täusche ich mich . Man wird sehen …..

      1. Es wäre lieb, wenn Sie vor dem Antwortkommentar genau lesen würden was ich schrieb. Somit wäre schon 50% Ihrer Aufregung besänftigt. Zudem wäre es nett wenn Sie, speziell zu unserer Familie sprechend, unseren Internetauftritt nutzen würden, Wir stehen dort detailliert Rede und Antwort. Ich möchte das Gastrecht hier nicht überstrapazieren. Einfach kopieren und unter einem unserer Blogartikel einfügen.

        Vielen Dank und liebe Grüße aus Dresden

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