Wer hat denn ihre Tochter entbunden? “Äh, natürlich meine Frau, wer denn bitte sonst?!”

Geburtsbericht: Zora Lilith Lórien, 1. Kind, 08.05.2020, 01:54 Uhr, 3014 g (laut Küchenwaage), 47 cm (laut Meterstab) 

Rahmenbedingungen: Heizungsausfall, 15°C Raumtemperatur, vorangehende Meinungsverschiedenheit mit Mann und Mutter

Um 19 Uhr dachte ich, ich hätte mich zu viel aufgeregt und hätte Übungswellen. Nach 4 Wellen – kein Bedarf hier was zu veratmen – und 45 Minuten später, sagte ich meinem Mann, es könnte losgehen, aber ich selbst war mir sicher, es würde nicht losgehen. Weder die Rahmenbedingungen, noch mein Gefühl sagten, dass es soweit war. Mein Mann zündete trotzdem drin unsere Geburtskerze und Duftöllampe an, legte die von mir gewählte Musik auf und bereitete alle Räume vor, um mir möglichst viel Spielraum für Bewegung, Position und Entspannung zu ermöglichen. 
Nach 2 Stunden sehr sanften Wellen – alle 10 Minuten eine Minute etwa – wollte ich immer noch nicht glauben, dass es losgeht. 
Mein Mann hingegen war sich sofort aus tiefstem Herzen sicher, dass das keine Übung war – da sagt nochmal einer, Männer hätten keine Intuition… 
Dann langsam die Steigerung. Ich wanderte durch die eiskalte Wohnung, zog mir meinen Kimono, 3 Paar Wollsocken und Stulpen an und betrachtete mittelmäßig resigniert das bunte Treiben, das unsere Heizung wieder zum Laufen bringen sollte. Denn, Heizung und Warmwasser sind bei uns gekoppelt. … Nein, ich hatte so gar keine Lust auf unsere Geburt. Unsere Freundin, welche wir als Geburtsbegleiterin auserwählt hatten, hatte höllische Kopfschmerzen und da bei uns eh alles entspannt lief, einigten wir uns darauf, dass wir wieder anrufen würden, wenn es so richtig losging. 

Um etwa 22:30 Uhr war ich so müde vom Stress, Ärger über die weiterhin ausgefallene Heizung und durch die Wohnung wandern, dass mein Mann und ich entschieden, uns nochmal ins Bett zu legen. Im Bett lag ich dann zurückgelehnt auf dem Rücken und die 2 Wellen in 1 1/2 Stunden waren zwar ziemlich kräftig, aber es waren ja nur 2. Mein Mann schlief und schnarchte die Zeit über genüsslich vor sich hin. Dann musste ich pinkeln und stand auf und zack, ging es richtig los. Allein auf dem Weg zur Toilette 3 ordentliche Wellen. Zitternd vor Kälte veratmete ich die Wellen und in einem Anfall von Frustration über die Kälte entschied ich, unsere Geburtshelferin per Sprachnachricht nach einem Heizstrahler zu fragen. Während der Sprachnachricht kam dann direkt die erste Welle, welche ich nicht nur veratmete sondern auch vertonte – “Falls du so´n Scheißding (Heizstrahler) hast, bring das Scheiiiiißdiiiiing miiiiiiiiit!” 

Dann wieder pinkeln müssen und platsch, Schleimpfropf samt Fruchtblase im Klo. Da war es ca. 00:15 Uhr, und da war schlussendlich selbst mir klar, dass ich jetzt unser Kind in einer eiskalten Wohnung zur Welt bringen würde. Gehen und liegen war jetzt nicht mehr drin. Also ab vors Sofa auf den Futon, teils kniend teils im Vierfüßler…
Ab hier geht’s schnell, 30 Minuten später die erste Welle, die beinahe nicht zu veratmen gewesen wäre. Wir dachten, das wäre dann die Eröffnungsphase und wir hätten noch einige Stunden vor uns. Kurz darauf teilte ich meinem Mann mit, es müssten Presswellen sein, denn, ich musste nichts tun und die Kräfte in mir, welche meine Worte gepresst klingen ließen könnten keine Vorstufe von was auch immer sein. Um 01:30 Uhr kam unsere Freundin dann mit dem Heizstrahler an, zu dem Zeitpunkt war mir allerdings nicht mehr kalt…. 

Dann fühlte ich einen Wulst zwischen meinen Beinen… kurze Panik- Nabelschnurvorfall? Handspiegel aus dem Bad – Nein, ein kleiner haariger Kopf, der Wulst waren die Schädelplatten, welche sich übereinander schoben… Öffnung war bei etwa 3 cm. Nächste Presswelle, 8 cm Öffnung… nächste Welle und ich hielt den Kopf in Händen. Die Welle verlängerte sich selbst und schwupp, war unsere Tochter geboren. Ich wickelte ihre Nabelschnur von Hals und Rumpf und legte sie mir blutig und käseschmierig wie sie war direkt auf die nackte Brust. Ich konnte es kaum fassen, gerade dachte ich noch, meine Geburt würde noch stundenlang dauern und schon hielt ich meine Tochter in meinen Armen… 
Ab hier war warten auf die Plazenta angesagt, doch, sie kam nicht. Nach 45 Minuten musste ich wieder pinkeln. Mein Mann kniete zu der Zeit bereits hingebungsvoll zwischen meinen Beinen und reinigte sanft mit Wasser (im Wasserkocher erwärmt – es war ja nix mit warm bei uns) und Waschlappen mein Heiligtum um den Blutfluss besser zu kontrollieren… immer noch keine Plazenta… 

Nach 1 1/2 Stunden musste ich dann endgültig pinkeln, also trug mein Mann mir unser Kind – welches per Nabelschnur noch in mir festhing – hinterher zur Toilette. Kaum saß ich und entspannte mich, machte es Pflatsch – Plazenta im Klo – und ich musste fürchterlich lachen… hier kommt jetzt auch unsere Geburtshelferin ins Spiel. Sie zog mutig und selbstverständlich die Plazenta aus dem Klo und legte sie in eine Salatschüssel. Dann zurück ins Wohnzimmer – ich trug mich, mein Mann unser Kind und unsere Geburtsbegleiterin die Schüssel samt Plazenta. Dort angekommen kam das Abnabeln: Zehn Zentimeter blieben an Zora dran, auspulsiert war die Nabelschnur bereits. 

Mein Mann und unsere Freundin machten sich daran, meine Plazenta in der Küche 20 Minuten lang von allen Seiten auf Vollständigkeit zu überprüfen. Alles da, Blutung war eh eher wenig, ich hatte keinerlei Abschürfungen, keinen Riss, absolut keine vaginalen Verletzungen. Pipi und Kacka brannten nicht mal. 

So waren wir als Eltern neu geboren und unsere Tochter als neue Erdenbürgerin. 

Es war eine Bilderbuchgeburt. 

Nachwort: 
Im Nachhinein vermisse ich ein Foto vom Wohnzimmer als Stillleben, das mir nochmal gezeigt hätte, wie wundervoll der Ort dieser Geburt war. 
Und im Nachhinein hätte ich das Abnabeln nach der Plazentageburt etwas bewusster gestaltet, denn dieser Moment war nochmal ein letztes körperliches Loslassen nach 39 Wochen Schwangerschaft…. aber die Plazentageburt in die Toilette überraschte uns alle so, dass ab da einfach alles halbdreiviertelautomatisiert lief. Demnach, alles okay, fürs nächste Mal weiß ich Bescheid . 

Die 3 Tage nach Geburt waren irre. Am ersten Tag ging ich schon 15 Minuten Gassi – ach ja, unsere beiden Hunde waren während der kompletten Geburt dabei und total tiefenentspannt – und sowohl Kreislauf als auch Blutung und Co waren perfekt. Zora war hungrig und mir schoss die Milch nicht ein, erst am 3. Tag war ich endlich Dolly Buster. Doch erst in der Nacht zum 4. Tag kam dann auch endlich die Milch geflossen… 

Vom Weinen vor Glück bis zum Weinen vor Verzweiflung war alles dabei, aber es war gut. Ich wusste die ganze Zeit über, dass alles war, wie es sein sollte. Und heute ist es immer noch so.

Wir haben uns eingelebt, unsere Tochter nimmt zu und trinkt und schläft und macht ihre Geschäfte. Familienbett ist super, stillen im Liegen auch. Die anfänglich wund gesaugten Brustwarzen heilen langsam – immer, wenn es fast gut ist, reißt Zora wieder in einem Anfall von Gier daran, sodass mir Tränen in die Augen schießen, aber auch das gehört für mich dazu. 
Ohne diese Erlebnisse – Stillschmerz, Schlaflosigkeit usw. – wäre mir der Weg zur Erkenntnis des neuen Lebens viel schwerer gefallen. Denn bei mir blieb das Wochenbett völlig frei von Beschwerden. Rückbildung läuft 3x so schnell wie “normalerweise”, Blutung ist jetzt schon beinahe vorbei… meine Hebamme ist darüber froh, begeistert aber vor allem erstaunt. 

Achso, zwecks dem Ämterkram: 
Unser örtliches Einwohnermeldeamt fragte meinen Mann, wer denn unsere Tochter entbunden hätte. Mein Mann antwortete völlig entgeistert: “Äh, natürlich meine Frau, wer denn bitte sonst?!” 
Dennoch wurde eine schriftliche Bestätigung über die Geburtszeit sowie ein Nachweis über die U1 bzw. U2 gefordert… 
Diese ganzen Zettel erhielten wir dann völlig unkompliziert vom auserwählten Kinderarzt, welcher unsere Geburt in Eigenregie sehr lobte und die Gesundheit, Gelassenheit und Entspanntheit unserer Tochter sehr feierte. Da muss man im tiefsten Oberbayern sicherlich Glück haben. Und unser Kinderarzt stammt aus dem Norden – demnach auch nicht typisch konservativ bayerisch.

Schlussendlich gibt es nur noch 3 Worte, die es braucht um ein solches Erlebnis zu erleben: VERTRAUEN, SELBSTVERANTWORTUNG & LOSLASSEN. 

Nachtrag:
Es ist mir extrem wichtig hier noch 3 Dinge anzufügen! 

1. Meine Hebamme kümmert sich nur um die Nachsorge und war nicht bei der Geburt dabei.

2. Die Geburt selbst lief von allein. Mein einziger “Job” war loszulassen. Ich habe keine einzige Welle aktiv unterstützt und nicht ein einziges Mal aktiv gepresst. Loslassen bedeutet für mich im Nachhinein, die alte Katha – keine Mama – sterben zu lassen, um Raum für die neue Katha als Mama zu schaffen… Wir Menschen sind geneigt, das Sterben als Verlust, traurig, schmerzhaft zu empfinden. Aber das stimmt so nicht ganz. Es ist auch immer das Platz machen für etwas neues. Jeden Tag wenn wir schlafen gehen, stirbt unser bewusster Mensch und wacht am nächsten Tag voller neuer Möglichkeiten auf. 

3. Mein Mann ist einfach der Wahnsinn – seine Leistung hat viel mehr aktives bewusstes Handeln gefordert als meine. Lob, Anerkennung und Glückwünsche teile ich zu mindestens 50% mit ihm. Denn ohne ihn hätte ich mich nicht halb so gut entspannen können. Baby, ich liebe dich bedingungslos und ich bin so so dankbar! Und ich weiß, dich als Seelenpartner zu haben ist das größte! Ich liebe dich, dich und unsere Tochter.

Text & Beitragsbild (c) Katha Kathinkarma

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