Geheimplan: Alleingeburt. Geburtsbericht einer Schulmedizinerin

Der Name der Autorin dieses Geburtsberichts bleibt geheim, so wie ihr Plan einer Alleingeburt, in den sie nicht einmal ihren Mann einweihen konnte.
Schon vor meiner ersten Geburt las ich viel bei Jobinas und Sarah Schmids Webseite und mir war klar, dass ich möglichst lange allein sein wollte. Ich empfand es allerdings noch normal, dann in die Klinik zu fahren (bei 7 cm Muttermundöffnung), was aber leider in Wehentropf und PDA, sowie Saugglocke und Dammriss 3. Grades endete. Nach einem ordentlichen Babyblues, fast einer Depression, wurde mir schlagartig klar, dass ich bei der nächsten Geburt komplett alleine und ungestört sein wollte. Ich konnte mit niemandem über meinen Wunsch sprechen, da mich alle für bekloppt erklärt hätten, wie ich dieses „Risiko“ als Schulmedizinerin eingehen könnte.

Mein Mann war zwar davon zu überzeugen, dass ich noch länger in der Wehenphase zuhause bleiben wollte, aber er hatte panische Angst vor der Austreibungsphase, die er unbedingt wieder in der Klinik verbringen wollte. Also blieb mein Plan bei mir und ich absolvierte den JoNi-Kurs, Hypnobirthing Kurs und Trauma Kurs bei Nina Winner in meinen Tempo und um alle Themen aufzuarbeiten.
Geburtsbericht:
Nachdem ich bereits seit drei Wochen alle Arten von Übungswehen, Senkwehen und Vorwehen hatte, habe ich zu keinem Zeitpunkt mehr an einen Geburtsbeginn geglaubt. Da ich ja schon ein Kind hatte, wusste ich, dass egal wie stark es zieht, sticht, zwickt und sich auch mal anders anfühlt, es doch sehr viel mehr Kraft braucht um den Geburtsbeginn zu starten. Also wache ich am Morgen des ET auf und denke mir noch nichts bei den Kontraktionen, die ich auch nachts schon drei/viermal hatte. Ich gehe auf Toilette und hab ein bisschen Durchfall, auch das war die letzten drei Wochen schon häufiger so. Aber dann zieht es einmal kraftvoll in den Rücken und ich schaue auf die Uhr, 8:15 Uhr. Ich ziehe die Große an und bemerke noch eine Wehe in der Intensität, 8:20 Uhr. Ich mache das Frühstück für die Kita, nächste Wehe 8:23 Uhr.
Ich lade mir die Wehen App runter, um leichter mitzuzählen, was ich vorher nie vor hatte, aber innerlich wusste ich anscheinend doch, jetzt geht’s los. Meine Mutter holt die Große für die Kita ab und ich bemühe mich die Wehen nicht zu zeigen, da ich keine Panik und auch keinen falschen Alarm auslösen will. Das ist schon mal geschafft. Mein Mann kommt aus der Dusche und fragt freudestrahlend, ob sich was regt, immerhin ist ET. Ich kann ein Grinsen nicht verstecken und sage aber, er solle lieber noch zur Arbeit fahren. Er registriert das und fährt, aber denkt sich seinen Teil.
Ab jetzt mache ich alles, wie ich es mir vorgenommen hatte: duschen, Haare waschen, anziehen, wichtige Dinge in die Tasche packen und weiter Wehen zählen. Die kommen stark bis 11 Uhr schon im 3-Minuten-Takt und bleiben für 30 sec. Naja, da wird wohl noch was kommen. Ich sitze auf der Couch, fange manchmal leicht an mitzutönen und schaue fern. Zwischen den Wehen ist es so, als wäre die Geburt gar nicht im Gange. Ich bin völlig klar, kann reden und scherzen. Ich hoffe sehr, dass das so bleibt. Ich bin total stolz auf mich und meine Entspannung, aber bei 3-Minuten-Abständen wird mir doch mulmig. Ich denke nicht mehr an einen Fehlalarm und bin mir dann sicher, dass ich meinen Mann anrufe. Er soll seine Aufgaben fertig erledigen und dann kommen. Er kommt ca. um 12 Uhr zur Tür rein, freut sich und ist doch ein bisschen aufgeregt. Er verzieht sich ins Schlafzimmer, da er weiß, dass er mich am besten alleine veratmen lässt. Die Wehen sind kraftvoll und unangenehm, aber zu veratmen und nicht schmerzhaft. Ich hoffe in dem Moment natürlich, dass das alles durch meine Entspannung so ist, weit gefehlt.
Um 14 Uhr versuche ich den Muttermund zu tasten (hab ich vorher schon ein paar mal gemacht und er war weich und fingerdurchlässig, also 2 cm), aber der ist unerreichbar. Ich bin ein bisschen enttäuscht, aber was soll’s. Ich laufe bestimmt alle 30 Minuten auf Toilette, es kommt auch immer mal wieder etwas vom Schleimpropf. Aber sonst ist alles ruhig. Um 16 Uhr hab ich weiter 5-Minuten-Abstände, aber diesmal mit 45-50 Sekunden langen Wehen, so dass ich meiner Mutter schreibe, ob sie die Große über Nacht behalten kann. Sie freut sich und weiß natürlich jetzt Bescheid, dass die Geburt bald sein wird.
Als ich auf mein Handy schaue, nerven mich die vielen “Und, geht’s los?” Nachrichten (obwohl ich allen den 19.10. als ET genannt habe, waren seit dem 1.10. alle schon bekloppt) und ich beantworte nur die einer sehr guten Freundin. “Hab Wehen. Wird wohl heute oder morgen.” Es kommt nur zurück “Super! Viel Glück! Bald ist es geschafft!” was eine tolle Freundin! Kein Generve, kein Gefrage, ob ich mir sicher bin, einfach Akzeptanz.
Und dann wird es seltsam. Die Wehenabstände ziehen sich bis 18 Uhr auf 10 Minuten heraus, bleiben zwar bei 50 Sekunden Länge, aber ich denke, dass es so nicht voran gehen kann. Ich fange an herumzulaufen. Damit schaffen es die Wehen zwar wieder in 3-Minuten-Abständen zu kommen, sind dafür aber nur noch bei 20 Sekunden Länge. Das kann ja irgendwie auch nicht sinnvoller sein, denke ich mir. Jetzt kommen die Zweifel. Was ist effektiver? Sitzenbleiben und lange Wehen? Oder rumlaufen und kurze Wehen? Das steht doch nirgendwo!
Ob mein Körper es doch nicht alleine schafft? Was ist, wenn das Kind doch nicht in Schädellage liegt und deswegen keinen Druck auf den Muttermund bewirkt? So ein Quatsch, denke ich mir. Jetzt hör mal auf mit den Theorien, rede ich mit mir selbst. Ich taste nach dem Muttermund, und meine, auf 7 cm zu kommen. Aber sonst ist nichts tastbar, kein Kopf, keine Fruchtblase, nix. Aber die Angst kommt hoch, als ich ab 19 Uhr keine einzige Wehe mehr habe und keine Kindsbewegungen mehr. Ist das Kind tot?
Ich hole meinen Doppler und höre nach den Herztönen. Ganz normale 135 Schläge pro Minute. Wahrscheinlich schläft es. Ich bin trotzdem verzweifelt. Ich bitte meinen Mann, dass er mir die Badewanne einlässt. Obwohl ich baden gar nicht mag, möchte ich alle wehenfordernden Register ziehen. Ab in die Wanne, auch nur ein leichtes Ziehen alle 10 Minuten. Dafür brauche ich das auch nicht, also gegen 20 Uhr wieder raus. Ich sitze mit meinem Mann auf der Couch und wir schauen Ocean’s Eleven. Ich überlege, was meine Optionen sind. Wenn ich in die Klinik fahre, wird es wohl einen Wehentropf geben, damit es weitergeht. Ich weiß, dass ich das ohne PDA nicht aushalte. Damit wäre meine Vorstellung dahin und alles wie beim letzten Mal. Zweite Option heißt Vertrauen und diese ist so viel schwerer anzunehmen. Aber ich entscheide mich dafür. Mir geht es gut, keine Erschöpfung. Dem Kind geht es gut, keine Beeinträchtigung der Herztöne, Fruchtblase intakt. Es ist quasi noch nichts passiert. Ich ärgere mich über die 150 Wehen, die ich schon mitgemacht habe, aber sage zu meinen Mann, dass die Geburt mich jetzt mal kann, und ich schlafen gehe. Ich bin sauer, dass jetzt der ET verstreicht und ich jetzt wieder total verunsichert bin, wann dieses Kind denn rauskommt. Ich schlafe auf der Couch ein bis 0 Uhr. Mein Mann ist zwischenzeitlich ins Bett gegangen und ist wahrscheinlich genauso verwirrt wie ich.
Dann werde ich wieder von einer ordentlichen Wehe geweckt und denke mir, na mal gucken, wie die Abstände jetzt werden. Es werden 10 Minuten, 5 Minuten, 3 Minuten und es ist mittlerweile 1 Uhr. Es macht kurz knack und meine Hose wird nass. Das wird wohl die Fruchtblase gewesen sein. Ich schnappe mir das Handtuch neben mir, klemme es zwischen die Beine und schaffe es zur Toilette. Es kommt ein kleiner Schwall, aber irgendwie hätte ich mir einen Blasensprung stärker vorgestellt.
Jetzt hocke ich mich vor die Couch und muss mich bei den nächsten zwei Wehen übergeben. Oh, dann wird es wohl das Ende der Eröffnungsphase sein. Bei der nächsten Wehe bin ich so unfassbar laut, dass mein Mann wach wird und sich neben mich setzt. Von diesen Wehen will ich aber keine mehr ertragen! Die sind echt schmerzhaft! Mein Mann fragt, ob wir in die Klinik fahren sollen. Ich weiß innerlich, dass das jetzt die letzte Chance wäre, aber da kommt schon die nächste Hammerwehe und ich schüttele nur noch den Kopf, und ich weiß, dass ich mich so nicht in ein Auto setzen will.
Ich brülle die Wehe weg. Dann fühle ich nochmal nach, Muttermund 10 cm, aber der Kopf ist nur ganz weit oben so gerade eben tastbar. Oje, ich kann nicht mehr und denke an die 30 oder 40 Presswehen der ersten Geburt. Wie lange soll ich das hier noch aushalten und Pressdrang habe ich nicht… Dann überrollt mich die 3. Hammerwehe. Ich fühle nach und bin baff, der Kopf schneidet ein,und ich merke, dass mein Damm über dem halben Kopf noch steht. Ich versuche ihn in der Wehenpause zurückzuschieben oder zu dehnen, aber nichts geht. Und da kommt das, was man Presswehen nennt, eine Urgewalt, ich schreie, kann nichts machen und der Körper schiebt von selbst. Der Kopf ist da.
Da ich ein langes poncho-ähnliches Zelt anhabe, fragt mein Mann, ob wir jetzt fahren sollen, da ich mich so anhöre wie bei der ersten Geburt und ich antworte: “Zu spät, der Kopf ist da.”
Mein Mann fällt vom Glauben ab, da ich ihm vorher ja sagte, der Kopf wäre noch ganz weit oben. Wehenpause, und ich merke eine Schulterdrehung. Mit der nächsten Presswehe und viel Gebrüll flutscht der Körper raus mit einem Schwall Fruchtwasser und Blut. Das Kind liegt zwischen meinen Beinen auf der Fitnessmatte und dem Teppich, auf dem ich hocke.
Der Wahnsinn!
Ich wickel die Nabelschnur ab, die einmal halb um den Hals hing und hebe mein Kind hoch. Es hängt noch ein bisschen schlapp und ich reibe dreimal ordentlich über den Rücken. Dann kommt der Schrei und der Tonus und ich weiß, dass alles gut ist. “Es ist ein Mädchen!”, sage ich zu meinem Mann, der einfach nur baff ist. Ich mache ein einziges schnelles Foto, das um 1:49 Uhr entsteht, so dass wir im Nachhinein den Geburtszeitpunkt auf 1:45 Uhr terminieren.
Er räumt schnell Decken ins Auto und gibt mir den Bademantel, in den ich mich und das Kind einwickel. Wir fahren zur Klinik, da werde ich im Rollstuhl in den Kreissaal befördert und es stehen alle am Auto parat: Ärztin, Oberarzt und Hebamme. Aber schnell sehen alle, dass alles gut ist. Ich gebäre die Plazenta, es wird abgenabelt, Nabelschnur pH-Wert liegt bei 7,31 (also sehr gut), U1 alles prima und wir erledigen den Papierkram. So langsam glaubt mir mein Mann, dass alles gut ist und ist erleichtert. Ich werde am Dammriss ersten Grades genäht und wir dürfen dann ambulant wieder nach Hause.  Die Hebamme war ganz begeistert von der schnellen Geburt. Ich lasse sie in dem Glauben und erwähne den Stillstand von fast 5 Stunden nicht… 😉
Unsere Tochter kam bei 40+1 mit 3650 gr und 53 cm, KU 34,5 cm zur Welt.Auch wenn diese Geburt zum Schluss fünf sehr schmerzhafte Wehen hatte, war es einfach die beste Entscheidung meines Lebens, da ich wusste, dass mein Körper das schafft und es ganz selbstbestimmt war. Ich hadere mit keiner einzelnen Entscheidung und auch die kleine Geburtsverletzung konnte ich viel besser annehmen, als den Dammriss dritten Grades bei der ersten Geburt. Ich war viel schneller wieder fit, kein leaking, kein babyblues, viel mehr Liebe für meine Babytochter, dass ich fast traurig bin, dass mir das bei meiner ersten Tochter verwehrt wurde.
Es tut mir leid um den Schock meines Mannes, aber ich weiß, dass ich ihn nie von einer Alleingeburt überzeugt bekommen hätte. Im Nachhinein sagt er, dass es genau so gut war, wie es abgelaufen ist und er nur Angst vor einer Sauerstoffunterversorgung des Kindes hatte (sein älterer Bruder ist damals vor oder während der Geburt gestorben). Er hat auch zugegeben, dass er die Todesangst um mich und das Kind wie bei der ersten Geburt diesmal zu keinem Zeitpunkt hatte.
Wir sind sehr glücklich diesen Weg gegangen zu sein.

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