Eine Schwangere liegt im warmen Wasser im Geburtspool, im Hintergrund flackert das Feuer im Kamin und über dem Kaminsims hängen Affirmationskarten zur Motivation: Alleingeburt - ich kann!

Eine ganz normale Geburt

Alleingeburtsbericht von Gastautorin Julia

Unsere erste Tochter, Nela, habe ich zuhause hebammenbegleitet geboren – ganz unvorhergesehen in Beckenendlage. Aufgrund der BEL verlief das Ende der Geburt unruhig, da die Hebammen viel Angst hatten und ich die Verantwortung, wie dieses Baby aus mir rauskommen sollte, ein Stück weit an sie abgab. Baby und ich beendeten die Geburt daheim und uns ging es beiden gut… und doch hinterließ die Angst der Begleitenden in mir Spuren.

Für die Geburt unseres zweiten Kindes, fast 4 Jahre später, wollte ich in meiner Intuition, Kraft und Verantwortung bleiben und dieses Baby ganz in Ruhe und im Familienkreise gebären.

Diese zweite Schwangerschaft war am Anfang emotional herausfordernd, weil ich über mehrere Wochen immer wieder kleine Blutungen hatte. Ich wollte zu keinem Arzt und so durfte ich in diesem Zustand von Nicht-Wissen verweilen. Nach 10 Wochen hatte sich alles beruhigt und ich habe meine Schwangerschaft sehr genossen und sie fühlte sich körperlich leicht an. Ich las viele Geburtsberichte (hier auf dieser Webseite alle mehrmals!) und las Alleingeburt* von Sarah Schmid und Jobinas “Die Wahrheit über Alleingeburten”* immer wieder durch.

Ich hatte auch das große Glück, dass ich eine Hebamme hatte, die Alleingeburten sehr befürwortet. Ich traf mich vier Mal in der Schwangerschaft mit ihr, um zu reden und Zweifel und Erste Hilfe am Neugeborenen zu besprechen. Sie war in Bereitschaft (zur Beruhigung meines Partners), falls wir sie doch dabeihaben wollten, aber meinte, dass sie sich sicher sei, dass wir sie nicht brauchen werden.

Ab der 37 SSW war ich bereit für die Geburt, geradezu ungeduldig, dass es losgeht. Ich musste mich jedoch noch etwas gedulden…

Abends bei 39+5: Mein Onkel war vor ein paar Tagen zu uns gereist, um uns bei der Geburt mit Nela zu unterstützen und im Wochenbett da zu sein. An diesem Abend hatten wir ein kuscheliges Feuer gemacht, Kekse gebacken und zusammen “My Octopus Teacher” geschaut. Bei Nela platzte die Fruchtblase nach diesem Film, sodass wir halb Ernst, halb im Scherz probieren wollten, ob wir die Geburt so starten könnten. Nach dem Film schaute ich in den Spiegel und mein Gesicht sah sehr weich und entspannt aus. Ich fühlte mich wie in Trance und musste lachen, wie „schnell“ mein Partner sich bewegte und sprach.

Als ich im Bett lag, kamen ein paar Wellen. Erst sanft, dann intensiver. Ich konnte noch gut liegen… aber wie lange noch? Ging es wirklich los? Würde ich Baby bald kennenlernen?

Nach einer Weile ging ich nach draußen und schaute den großen, vollen Mond an – er war hypnotisierend! Ich holte noch etwas Holz fürs Feuer rein und legte mich auf der Couch schlafen. Gegen 2 Uhr morgens wurden die Abstände der Wellen so groß, dass ich einschlief.

Die nächsten zwei Tage vergingen und dann bei 40+0 gegen 2 Uhr morgens eröffnete sich die Fruchtblase! Endlich etwas Bekanntes! So ging auch die Geburt von Nela los. Ich war ganz aufgeregt, zitterte und gab meinem Partner Bescheid. Wir beschlossen uns wieder hinzulegen undmKräfte zu sammeln. Allerdings kam ich vor lauter Aufregung und Vorfreude nicht zur Ruhe. Was wenn es gleich losgeht? Das Feuer war schon aus… Also stand ich lieber auf, machte Feuer, legte mich davor und wartete ab. Jede kleinste Welle, begrüße ich, aber es passiert gefühlt nichts. Ich zog wieder auf die Couch, um zum schlafen. Ich war etwas frustriert, dass es nicht richtig los ging.

Am späten Vormittag schickte ich Nela und meinen Partner aus dem Haus. Vielleicht musste ich einfach allein sein, damit ich zur Ruhe kam und es losging. Und so war ich alleine zuhause… und kam doch nicht zur Ruhe. Ständig Holz nachlegen, dann hatte ich Hunger und musste selber kochen, … da kamen mir die Tränen. So fühlte sich das nicht stimmig an. Ich wollte nicht alleine sein, sondern sehnte mich plötzlich sehr nach Ruben, meinem Partner. Wir haben diesen kleinen Menschen zusammen gemacht, jetzt wollte ich auch gemeinsam dieses Baby willkommen heißen.

Ich rief also Ruben an und sie machten sich auf den Rückweg. Während ich auf sie wartete, ging ich rüber zu meinem Onkel und erzählte ihm von meiner Ungeduld, dass es endlich losging. Dabei musste ich weinen und gleichzeitig über mich selbst lachen. Das brachte schon so viel Entspannung, dass mir plötzlich auffiel, dass die Geburt wahrscheinlich schon im Gange war.

Mein Eindruck, dass „nichts passierte“, stimmte gar nicht. Mit jeder noch so sanften Welle ging an diesem Vormittag Schleim und etwas Blut ab. War ich etwa schon in der Eröffnungsphase? Ich konnte es nicht glauben. Diese gemütlichen Wellen vielleicht ein oder zweimal die Stunde bewirkten etwas?? Da kamen Ruben und Nela zurück. Zum Glück war Nela sofort begeistert mit meinem Onkel zu spielen und Ruben und ich gingen erst mal spazieren. Ich nahm seine warme, feste Hand und hörte seiner Stimme beim Reden zu und entspannte mich sofort. Nur wir zwei. Es fühlte sich endlich stimmig an. Wir schafften es nicht weit, da kam schon die erste etwas intensivere Welle. Also liefen wir zurück nach Hause, kuschelten noch ein bisschen im Bett und Ruben gab mir eine Fußmassage. Endlich war ich so richtig entspannt und innerlich bereit. Jetzt konnte es losgehen.

Und das tat es! Die Wellen wurden kräftiger und fühlten sich regelmäßig an. Es war ungefähr 16 Uhr. Ruben wollte gleich den Pool aufbauen, aber ich verneinte, da ich mir noch unschlüssig war, ob ich den überhaupt wollte. Kurz darauf kam Nela zurück ins Haus und sie wollte sofort den Pool aufbauen, damit sie schwimmen gehen konnte. Somit wurde mir diese Entscheidung abgenommen. Der Pool wurde aufgebaut. Die Stimmung war wunderbar – familiär und festlich.

Mein Onkel saß am Wasserhahn und hielt den Schlauch fest, Nela hielt das andere Schlauchende in den Pool und Ruben machte Feuer. Und ich ging für die intensiver werdenden Wellen in unser kleines Bad zum Vertönen. Die Abstände waren noch entspannt, so dass ich nach jeder Welle raus kam, einen Schluck Kokoswasser trank und mit den anderen redete. Das war völlig neu für mich. Bei Nela kamen die ganze Geburt über die Wellen Schlag auf Schlag, sodass ich gefühlt keine Pause hatte. Jetzt erlaubten mir die Abstände, dass ich mich auf jede Welle neu einlassen konnte. Und so probierte ich mich aus: mal auf dem Klo sitzend, mal über einem Eimer hockend, dann im Stehen (das nenne ich die Sarah Schmid Position ;). Ich stemmte eine Hand gegen die Wand, die andere am Waschbecken, fast schon auf Zehenspitzen tönte ich ganz tief aus mir heraus. Mein Kopf in den Nacken gelegt, fühlte ich mich animalisch, wie eine Wölfin.

Die Wellen wurden intensiver und kräftiger. Ich probierte weiter. Ich war ganz still und ging während den nächsten Wellen nach innen und beobachte meinen Körper genau. Das ging auch!

Die Welle wurde dadurch nicht mehr oder weniger intensiver. Und dann tönte ich weiter, denn irgendwie brauchte das weniger Konzentration und machte mir Spaß. Zwischen den Wellen wieder raus ins Wohnzimmer. Ich erzählte meiner Familie immer wieder, wie ich gar nicht glauben konnte, dass ich zwischen den Wellen in so einem Normalzustand war. Und dabei fragte ich mich, wie weit die Geburt wohl fortgeschritten war, wenn ich zwischen den Wellen noch so entspannt sein konnte.

Es wurde dämmrig draußen und ich wollte mich zurückziehen, wollte zwischen den Wellen nicht mehr sprechen, sondern genoß ganz still die Pausen. Nela und mein Onkel spürten, dass ich Ruhe wollte und gingen in das Nebenzimmer zum Tiervideos schauen. Jetzt gehörte das Wohnzimmer ganz mir und ich probierte verschiedene Positionen im Raum aus. Am Tuch hängen, vor der Couch knien, auf allen Vieren auf dem Bett, sogar eine Welle im Liegen – ganz schmerzvolle Idee! Ich wollte es aber zumindest einmal erfahren haben.

Öffnen, ich wollte mich „an Land“ öffnen und den Pool als allerletzte Option lassen. Das Feuer war nun im vollen Gange, die Lichterkette das einzige Licht im Raum – meine Geburtshöhle! Die Wellen wurden jetzt sehr intensiv, fast unerträglich. Und weil sich egal welche Position unangenehm anfühlte und ich langsam müde wurde, ging ich endlich in den Pool. Das Paradies!

Die nächsten Wellen fühlten sich einfach und angenehm an. Das warme Wasser tat so gut! Doch nach wenigen Wellen wurde es wieder so intensiv wie vorher. Also: Blick aufs Feuer und mal im Sitzen, dann vor allem im Knien tönte ich mein Mantra: „Let the Body do the work“ – Lass den Körper die (Geburts)Arbeit vollbringen. Zwischen jeder Welle trank ich weiterhin einen Schluck Kokoswasser, das mir mein Partner mittlerweile reichen musste, weil ich zwischen den Wellen so unglaublich müde war. Ich wollte schlafen, wollte, dass es vorbei war. Vielleicht ins Krankenhaus fahren und das Baby einfach rausschneiden. Moment mal. Was für ein komischer Gedanke… ist das etwa schon die Übergangsphase?? Aber soo intensiv war es doch gar nicht, oder? Wäre ja gut, denn ich wollte nicht mehr. Da blickte ich nach oben und sah meine Affirmationskarten, die am Holzbalken über dem Feuer hingen, an. Mein Blick fiel sofort auf: „Ich kann!“ Das gab mir neue Kraft. „Ja, ich kann.“ Und Welle für Welle ging es weiter.

Eine Schwangere liegt im warmen Wasser im Geburtspool, im Hintergrund flackert das Feuer im Kamin und über dem Kaminsims hängen Affirmationskarten zur Motivation: Alleingeburt - ich kann!

Nela kam zu diesem Zeitpunkt ins Wohnzimmer und brachte ihre Matratze vors Feuer. Zwischen den Wellen wieder der Wunsch nach Schlaf. Dann fühlte sich das Wasser zunehmend zu warm an, aber ich wollte nicht raus aus dem Pool bevor Baby da war. Trotz Feuer fühlte es sich in unserem alten Häuschen außerhalb des Pools kühl an. Und dann spürte ich es plötzlich. Den Wunsch… nein kein Wunsch, mein Körper wollte mit aller Kraft etwas rausschieben. Eine lange intensive Welle überrollte mich! Ich wurde sehr laut, sodass Nela schnell ins Nebenzimmer rannte und durch einen Türspalt mich im Blick behielt. Ich presste mit, wobei es sich anfühlte, als ob mein Körper mitschieben musste und ich gar keine Wahl hatte.

Innerlich war ich in Freude. Ich hatte mich schon sehr lange auf die Presswellen gefreut, da diese Phase der Geburt eine so erfüllende Erfahrung war mit Nela. Doch schon mit der nächsten (2.!) Welle drückte Baby so nach unten, dass es fast aus meiner Vulva geschossen kam. Ich drückte mit beiden Händen dagegen. „Laaangsam!“ rief ich, „Mach langsam!“ Bei der nächsten Presswelle drückte alles in mir nach unten, unkontrollierbar!

Zu meiner eigenen Überraschung schrie, ja kreischte ich in hoher Stimmlage – es ging nicht anders. Ich hielt immer noch gegen den Babykopf, hatte Bedenken, dass ich zerreisse, so schnell wie das ging. Doch mit dieser 3. Welle schob sich der Babykopf trotz Gegenhalten raus, der Körper drehte sich – ein sehr seltsames Gefühl. So knochig und hart von den Schultern und gar nicht weich und ausgefüllt wie bei Nelas Beckenendlage. Und flutsch – der Körper schoss aus mir heraus.

Ich hatte es geschafft! Mein Baby ganz allein, aus eigener Kraft und völlig ungestört, geboren. Nach gut 5 Stunden aktiver Geburt, hob ich Baby gegen 21 Uhr aus dem Wasser. Was für ein Gefühl! Nur sie und ich, Körper an Körper, keine fremden Hände, ganz in Ruhe, voller Bewunderung.

Nela kam sofort angerannt und ich rief meinen Onkel dazu. Dann schaute ich am Baby runter – eine zweite Tochter! Amara war richtig wach und fit, hatte super Muskelspannung und meldete kurz laut ihre Ankunft. Sie war sooo klein. Sie sah winzig aus! (Am nächsten Tag wogen wir sie mit 2800 g.) Ich war so glücklich, erfüllt, stolz und erschöpft.

Ganz bald wollte ich raus aus dem Wasser und mich in warme Decken kuscheln. Es war kein Blut im Pool, alles sauber. Ich setzte mich auf die Couch und Nela schaute ganz erstaunt. Dann fing Amara an zu stillen und eine intensive Welle kam, dann noch eine und noch eine… ich wollte nicht mehr. Das Baby war doch schon da! „Komm endlich raus, Plazenta!“ Ich rutschte vor der Couch in die Hocke und mit der nächsten Welle presste ich die Plazenta raus (ich glaube weniger als 1 Stunde nach Baby). Sie wirkte riesig im Vergleich zu diesem winzigen Baby in meinen Armen.

Bald wechselten wir aufs Bett, um die Nabelschnur dieses Mal mit Kerzen durchzubrennen. Während Ruben das vorbereitete, fing Amara an zu weinen. Nela war schockiert wie laut dieser kleine Mensch sein konnte und fing selbst an zu schreien: „Zu laut, zu laut!“ und hielt sich die Ohren zu. Ich bekam etwas Panik. Wie sollten wir das nur machen mit Amara, wenn Nela ihr Babyweinen zu laut war? Zum Glück war das nach einer langen Nacht Schlaf, nur noch selten ein Thema.

Das Durchbrennen der Nabelschnur klappte nicht so entspannt und feierlich wie wir uns das vorgestellt hatten. Es war mittlerweile nach 23 Uhr. Wir waren alle super müde und wurden gereizt. Also Holzbrett und Taschenmesser her und Nela schnitt mit Rubens Hilfe die Nabelschnur durch und endlich konnten alle schlafen gehen. Ich war noch ganz aufgedreht und da spürte ich wie wieder und wieder ein großer Schwall Blut aus mir kam. Bis dahin war fast kein Blut geflossen, weder bei Baby- noch bei der Plazentageburt. Ich bekam Bedenken. Ruben holte mir die Hirtentäschltinktur. Zum Glück schliefen beide Kinder und wir konnten uns um mich kümmern.

Als es nicht aufhören wollte zu bluten, gab ich Amara zu Ruben auf den Arm und lief ins Bad. Was für ein Chaos! Ich hinterließ eine Blutspur auf dem Weg ins Bad, auf dem Boden nasse Handtücher, der Pool dampft noch voll Wasser, überall Klamotten und Decken auf dem Boden. Im Bad ging ich nochmal pinkeln, das Klo und der Boden wurden mit Blut verschmiert. Zum ersten Mal wünschte ich mir meine Hebammen her. Zum Aufräumen und nach der Blutung schauen. Ich schaute mit Handspiegel meine Vulva an. Da entdecke ich einen Riss in der inneren Vulvalippe.

Autsch – sieht tief aus! Wie sollte ich das versorgen? Ich rief Carla an, unsere Hebamme. Sie ging sofort ran. Ich erklärte ihr was los war. Ich verstand wenig von dem was sie sagte, war so müde.

Da meinte sie, dass ich einfach schlafen gehen soll und sie morgen vorbeikommen und sich kümmern würde. Ab ins Bett! Ich legte Amara wieder auf meinen nackten Oberkörper und schaute mich im Bett um. Wir vier! Zu viert! Wie verrückt und aufregend. Ich konnte kaum schlafen. Jetzt ging das Leben zu Viert weiter!

Mein Wochenbett war dieses Mal wunderschön. Mit der Unterstützung meines Onkels, und einer lieben Freundin in den ersten 3 Wochen, waren wir sehr gut versorgt. Die Stimmung war oft festlich mit leckerem Essen, Gesprächen und viel gemeinsamen Singen. Ein Gefühl von großer Stimmigkeit und Geborgenheit füllte mich aus. Als ich mit ein paar Tagen, und jetzt nach über einem Jahr Abstand, auf die Geburt zurückschaue, erfüllt mich immer noch ein Gefühl von Stolz und Kraft, dass mich in meinem Mamasein trägt. Und es schwingt auch ein bisschen Ernüchterung mit, wie „normal“, wie unspektakulär diese Geburt war.

Die Beckenendlage mit Nela war dagegen so aufregend und lang und intensiv. Und es schwingt auch etwas von der Geburtskultur in unserer westlichen Welt in mir, die Geburt als aufregend, gefährlich und Notfall darstellt. Da war die Geburt mit Amara einfach „zu“ geschmeidig, „zu“ einfach und schnell. Und doch fühlt sich diese Geburt mit Amara für mich unglaublich stimmig an.

Eine ganz normale Geburt eben.

Fotos & Text © Julia W.

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