Triggerwarnung. Dieser Geburtsbericht schildert die Schwangerschaft und Gebärreise bei der das Baby still bleibt (Totgeburt). Bitte lies nur weiter, wenn du dich gerade emotional stabil fühlst, und brich jederzeit ab, wenn es zu viel wird.
Für Tiano und die Wahrheit
Für Tiano, damit etwas bleibt, du bleibst, wenn auch nicht sichtbar, und der Wahrheit das Leben empfangen nicht garantiert, dieses lebend in seinen Armen halten zu dürfen, weil Leben und Tod miteinander verwoben sind.
Die Zeit der Schwangerschaften waren für mich immer größtes innerliches Wachstum, eine tiefe Ruhe, die sich ausbreitete in Verbindung zu meinem Kind, dem Leben, zu mir selbst.
Die tiefste Helligkeit in meiner Mutterschaft, die Dankbarkeit, Mutter sein zu dürfen, die Dankbarkeit an meinen Körper, das erste Zuhause meiner Kinder zu sein, mein Bauch, der für Leben steht.
In meiner Reise als Mutter durfte ich schon viele Erfahrungen sammeln hinsichtlich Geburten, von medizinisch unnötigen Kaiserschnitten, einer VBA2C im Geburtshaus, kleiner Alleinfehlgeburt, Alleingeburten, mitunter auch aus unvollkommener Fußbeckenendlage, Sternenguckergeburt und nun einer stillen Alleingeburt.
Tiano war meine 9. Schwangerschaft mit 8. Kind, seine Schwangerschaft war ebenso wie alle unkompliziert und beschwerdefrei. Mir ging es gut und ich freute mich auf dieses mein Kind, als ich Anfang Februar meinen positiven Schwangerschaftstest in den Händen hielt.
Die Schwangerschaft verbrachte ich wieder in Selbst- und Eigenverantwortung, ich kenne meinen Körper, kontrollierte ab und an meinen Urin und pH und im Übergang zu den sicheren spürbaren Kindsbewegungen die Herztöne, tastete meinen Fundus.
Ich war überfüllt von Liebe und Dankbarkeit für jede Bewegung und den wachsend großen Bauch und die Vorstellung von diesem kleinen Menschen, der uns ausgesucht hatte.
Allerdings, und dies führte ich auf die Fehlgeburtserfahrung zurück, auch bei den anderen Schwangerschaften schon, nur diesmal waren die Sorgenwolken öfter. Sie kamen öfter, nicht im Begriff über Endgültigkeit und Verlust, sondern in diesem diffusen, nicht greifbaren Gefühl.
Sorgenwolken
Meine Notiz aus der 38. Schwangerschaftswoche:
„Sorgen…
Tabea, die Kraft muss aus Dir kommen!!!
(Weil es die stärkste ist, weil es Dir keiner abnehmen kann, weil Du loslassen und vertrauen darfst, weil es das Fest der Geburt ist, du bist die Schöpferin, weil es wunderschön ist, weil Du es kannst!!!)“
In Ansprache und Verbindung zu meinem Baby bekam ich auf diese Sorgenwolken immer Rückmeldung und dennoch versuchte ich, dieses nicht greifbare Gefühl zu kontrollieren, frischte mittels Erste Hilfe am Baby und Coaching nochmal mein Wissen auf, überlegte sogar um einen Beatmungsbeutel. Ich implizierte diese Sorgen auch einfach auf die tiefe Demut vor jeder Geburt, die trotz meiner vielen Erfahrungen Mut, Hingabe und Loslassen benötigt, und die Erinnerungen an die letzte intensive Sternenguckergeburt.
An einem Sonntag hantierte ich viel in meinem Nestbautrieb, war viel sitzend beschäftigt und hörte Ina May Gaskin. Abends fiel mir die Ruhe auf, ich war an diesem Tag bei 39+6 SSW, ich weinte, sprach mit meinem Baby und es meldete sich. Ich war beruhigt und schlief ein. Ich schob es wie bei meinen anderen Babys auch einfach auf die normale Ruhe rund um die Geburt, das Sammeln an Kraft, und dennoch benannte ich diese Sorgen mit meinem Mann. Ich hatte die Nacht auch einfach nicht gut geschlafen. Notiz:
„Baby viel ruhig, (hab viel gesessen) große Sorgen… hat das Baby wahrscheinlich gemerkt, Zusprache und dann bewegt, dennoch schläfrig (wahrscheinlich selbst so in meinem Filter Sorge, das nicht mehr fühlend bzw. wahrnehmend in meinem Körpergefühl)
Rein in meine Mitte!!!
Bewegt sich!
Angst ist kein guter Begleiter!!!“
Der Tag darauf war voll, wir befanden uns in der letzten Sommerferienwoche und für viele unserer Kinder mussten noch Dinge für die Schule organisiert werden. Am Abend war ich dann noch baden und während wir im Familienbett so lagen, spürte ich ihn, so kräftig wie noch nie, wie das Abstoßen vom Beckenrand, um die neue Bahn anzuschwimmen – ich war beruhigt und kommentierte es laut: Ja Baby, da bist Du ja. Es war seine letzte Bewegung…
Ich schlief beruhigt ein, während er in dem Moment wohl verstarb. Am nächsten Morgen breitete sich ein stilles, noch nie zuvor gefühltes Gefühl aus, etwas, was ich nicht greifen konnte.
Ich versuchte, mich zu entspannen, zu ruhen, um in meinen Sorgen keine Bewegungen zu verpassen, und ich war mir unsicher. Hinzu vermutete ich die ganze Schwangerschaft über auch eine Vorderwandplazenta, die im Allgemeinen hinsichtlich Bewegungen abdämpfte und auch für mich eine neue Erfahrung war.
Irgendwann kontaktierte ich meine Backup-Hebamme, die ich seit 12 Jahren nun kenne:
„Hallo, liebe …
erst einmal entschuldige…
Du bist die Einzige, der ich hier vollkommen vertraue und die mir jetzt einfällt.
Ich muss gerade Verantwortung übernehmen, bevor ich noch umkippe vor lauter Sorgen.
Ich weiß auch gar nicht, ob du überhaupt schon aus deinem wohlverdienten Urlaub zurück bist.
Ich bin in der 41. Schwangerschaftswoche mit Geburtstermin am 8. September.
Am Sonntag habe ich viel sitzend hantiert, danach habe ich mir ein bisschen Sorgen gemacht, aber das Baby hat sich dann zuverlässig gemeldet.
Am Montag war es auch ein bisschen ruhig, hat sich dann aber am Abend mit einem ordentlichen Tritt bemerkbar gemacht.
Und jetzt sitze ich seit Dienstag/Mittwoch in Angst, mit unsicheren Kindsbewegungen.
Ich weiß nicht, ob du überhaupt Kapazität hast, einmal vorbei / nachzuschauen.
Vielleicht bin ich auch einfach sehr in meiner Angst und dadurch ist meine Wahrnehmung total verschoben.
Ein Krankenhaus kommt für mich überhaupt nicht in Frage.
Ich kann aber natürlich auch verstehen, wenn du unter diesen Bedingungen sagst, dass das für dich absolut nicht geht.
Vielleicht kannst du dich ja melden.
Liebe Grüße“
Sie meldete sich und wir sprachen abends mittels Videocall und versuchten, meine Sorgen zu sortieren. Darüber war ich sehr dankbar.
Und dennoch sprach ich mit ihr auch über das Worst-Case-Szenario und ihre Begleitung. Ein Krankenhaus kam für mich nicht in Frage, sie legte mir ans Herz, wenn dies der Fall wäre, mir eine Bestätigung zu geben, um mir die Maschinerie an System zu ersparen…
Wir einigten uns darauf, dass ich mir ein Dopton besorge (meines hatte ich irgendwann verschenkt, weil ich mit dem Beginn der Kindsbewegungen mich hiervon nicht abhängig machen möchte).
Ich wurde ruhiger und dachte um Bewegungen. Ich saß morgens, wenn alles schlief, auf der Couch und starrte auf meinen Bauch und drückte vorsichtig herum. Statt ins Krankenhaus zu fahren, überlegte ich, zum Frauenarzt zu fahren; hier hätte ich allerdings mit dickem Bauch allein durch die ganze Stadt fahren müssen, und hierfür fehlte mir die Kraft, auch meine Selbstbestimmung wahren zu können, wenn mir meine Ahnung bestätigt wird, und sie hätte auch nichts mehr ändern können, das wusste ich.
Der Frauenarzt hier im Ort wollte mich trotz Nennung unsicherer Kindsbewegungen nicht drannehmen.
Mit besorgtem Dopton nahmen wir, schwer und lange suchend, bedingt der Vorderwandplazenta auch, etwas auf und schickten es der Hebamme (sie war schwer eingebunden). Ohne die Verantwortung abzugeben und ihrer langjährigen Erfahrung zu vertrauen, ordnete sie es als Nabelschnurpulsieren ein, aber auch, dass ich die Herztöne besser am Rücken finde.
Wir versuchten es dann noch im Abstand weitere Male, aber es war nicht mehr dieses typische Galoppieren, irgendwie war ich nicht beruhigt und dennoch versuchte ich zu vertrauen. Ich war unsicher mit den Bewegungen.
Dieses Was-auch-immer-Hören war mein tragender Funke und ich ordnete meine Sorgen so ein, dass das Baby diese spüre und deswegen sich ruhiger bewege, dass einfach auch kein Platz mehr ist und dass mit der Geburt sich alles erklärte, dass meine Gedanken niemals Wahrheit sind, und ich meinte auch etwas zu spüren/ unsicher. Dennoch bin ich auch so gepoolt, die Kontrolle behalten, mich für alles „vorbereiten“ zu wollen, einen Bestatter rausgesucht zu haben, um ihn in meinen Lesezeichen hoffentlich nicht brauchend zu speichern, ebenso eine mögliche Urne… aber niemals dieses Gefühl, dass er tot ist, sondern ein diffuses, nicht greifbares Gefühl und eine Stille, kein lautes Gefühl wie das im Leben und die Sorgen meiner Kinder, sondern eine tiefe, tiefe Stille.
Geburt
Der Alltag verging weitere Tage, ich weiß nun 9 Wochen später nicht, wie ich es geschafft habe, mich selbst zu tragen. Die Geburt kündigte sich zwei Nächte vorher mild an, seit jeher sind jeder Montag mit seiner letzten Bewegung und jeder Donnerstag mit seiner Geburt tiefsitzend.
Die Fruchtblase platzte und mit ihr auch dunkelrotes (altes) Blut, der Kopf folgte rasch, der Körper hingegen nicht. Die sichtbaren Veränderungen (Blasen am Kopf) fielen uns im Moment des Geburtsrauschs nicht auf. Den Körper gebar ich mithilfe meines Mannes eineinhalb Stunden später. Als ich ihn an mich hielt, mich aufzusetzen, ihn zu begrüßen, ihn rieb, absaugte,
schickte ich unsere anwesenden Kinder raus, zum Spielplatz, und bat meinen Mann, den RTW zu rufen. Unter Anleitung versuchten wir, ihn zu reanimieren, er reagierte nicht (dieser fragte auch, ob wir Blasen sahen, was mein Mann verneinte). Die ersten Sanitäter trafen ein und übernahmen. Ich saß nackt vor ihnen und mein gerade geborenes Kind lag vor mir, wurde reanimiert und beatmet. Ich fragte nach seinen Herztönen, die in dem Moment lt. derer nicht relevant waren. Wir hatten kurz vor Eintritt der Rettungskräfte mit dem Dopton versucht, diese zu finden und zeichneten irgendwas von 60 SpM auf. Währenddessen fragten sie, ob ich mir nicht etwas überziehen möchte, und schickten mich aus dem Zimmer.
So saß ich vor der Tür an der Treppe, während sie seine Hülle nach Eintritt über 30 Minuten reanimierten, und ich wusste – ohne ihn aufgegeben zu haben –, dass dies zu spät war. Ich wusste, dass meine Ahnung, mein diffuses Gefühl, Wahrheit war. Ich bat darum, damit aufzuhören, somit war die Überbringung seines Todes meine Bestätigung.
Hinsichtlich Blutung sollte ich mich versorgen, und während ich mich abwusch, lag das Kind, das ich gerade geboren hatte, im Zimmer auf dem Boden, allein, mein Mann springend zwischen Kindern und mir.
Weitere Menschen trafen ein, das ganze Haus füllte sich mit Polizei, Kriseninterventionsteam, später Leichenbeschauer und Kripo.
Als ich ins Zimmer zu meinem Kind wollte, war dieses abgeschlossen. Eine Polizistin stand mit dem Schlüssel in der Hand vor der Tür. Ich verlangte nach diesem, sperrte auf und nahm mein bis über den Kopf zugedecktes Kind erstmals in den Arm, entfernte alle Kleber und Anschlüsse und wiegte ihn hin und her, bewunderte seine braunen Haare. Nach sieben Kindern, von denen bis auf den Zweitgeborenen alle rotes Haar haben wie ihr Vater, waren die braunen wie meine, eine bedeutungsvolle Überraschung.
Er war sichtbar schon vom Tod gekennzeichnet, die 10 Tage zeigten sich: dass sich die Haut an Finger- und Fußspitzen ablöste sowie im Gesicht, die Haut war tiefrot und es waren Schwellungen rund um die Augenlider sichtbar.
Wie widersprüchlich doch: dieses mein Kind ohne Leben in meinem Armen und doch riechend nach Geburt, nach Leben.
Traurig, aber nicht traumatisiert
Wir stießen an ein paar Hürden, die wir einfach nicht in der Hand hatten, und dennoch konnten wir trotz Übergriffigkeiten und manch fehlender Empathie unsere Selbstbestimmung wahren. Jedes unserer Kinder konnte seinen Bruder im Arm halten, wir legten unsere Hände auf ihn mit den schönsten Wünschen für seine letzte Reise.
Tianos leblosen Körper und doch nach Geburt duftend in den Sarg zu legen, war wohl das Schlimmste, was ich bisher in meinem Leben tun musste. Diesen hob ich an und konnte ihn zumindest bis zum Treppenabsatz meinem Mann und großen Sohn übergeben, die ihn in den Bestattungswagen trugen, um ihn der Rechtsmedizin zur Obduktion zu übergeben.
Ich weiß nicht, ob es der richtige Weg war, es war mein Weg. Die Geburt selbst habe ich nicht als traumatisch empfunden, es war meine einzige körperliche Zeit, die ich mit ihm hatte, die mir meine Selbstbestimmung wahrte, und ich weiß nicht, welch Kraft ich hätte aufbringen müssen, diese andernorts zu wahren und, trotz diesem Verlust konnte ich Tiano und uns schenken, sichtbar in voller Liebe in unsere Familie hinein geboren zu werden.
Notiz 24. September:
„Ich werde daran nicht zerbrechen, ich lebe weiter für Dich und uns, es wird mich verändern, ja, vielleicht stiller, aber was bleibt, ist die Liebe zu Dir, seit deinem ersten und deinem letzten Herzschlag, und darüber hinaus bist Du immer mein geliebtes Kind.“
Text und Fotos © Tabea Tamara Carmen
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