Geburtsbericht von Gastautorin Annett
Meine fünfte Schwangerschaft verlief, wie auch schon die anderen, unauffällig und wunderschön. Die Vorsorge ließ ich nur durch Hebammen durchführen. Am Ratetermin (ET) gab es keine Auffälligkeiten und ich war weiterhin gespannt darauf, wann die Geburt losgehen und wie alles werden würde, da ich mich auf eine Alleingeburt vorbereitet hatte.
Am RT+3 hatte ich nachmittags einen Vorsorgetermin bei meiner Hebamme. An diesem Tag waren die Übungswehen irgendwie anders als die Tage zuvor, aber ich gab ihnen keine größere Bedeutung, da ich das von den anderen Schwangerschaften her kannte. Auch diese Vorsorge zeigte keine Auffälligkeiten, das Köpfchen war laut Hebamme im Becken und die Herztöne waren auch gut zu hören. Der Tag lief ganz wie gewohnt, nur mit einer leichten Unruhe im Bauch.
Am Abend brachte ich die Kinder ins Bett und musste beim Vorlesen schon kleine Veratmungspausen einlegen. Nun merkte ich, das ist der Beginn unserer Geburtsreise.
Nachdem die Kinder schliefen schauten mein Mann und ich noch etwas fern und gingen dann gegen 24 Uhr schlafen, um etwas Kraft zu tanken. Mein Mann legte sich in unser Gästezimmer und ich ging in das Schlafzimmer, in dem alle Kinder ruhig im Familienbett schliefen.
Gegen 1.30 Uhr wurden die Wehen etwas kräftiger und ich richtete das Schlafzimmer und Badezimmer gemütlich her. Ich schaffte mir eine geborgene und wohltuende Atmosphäre. Ich hörte meine zuvor zusammengestellte Musikliste und musste nun schon etwas stärker veratmen.
Mein jüngstes Kind (3 Jahre) wurde gegen 2 Uhr wach und schlief immer nur ganz kurz wieder ein. Gegen 3 Uhr ging ich zu meinem Mann und übergab unser jüngstes Kind, da die Wehen immer stärker wurden und ich in die Wanne wollte. Ich konnte das warme Wasser genießen, musste aber in Bewegung bleiben um die kräftigen und schmerzhaften Wehen zu ertragen. Einmal kam mein Mann mit unserem Kind ins Badezimmer und es wollte mit in die Wanne. Für einen kurzen Moment konnte ich das zulassen, verspürte aber bald wieder das Verlangen nach Ruhe und schickte die beiden wieder aus dem Bad.
Die Wehen und Schmerzen, es war gegen 4 Uhr, nahmen zu und ich hatte das Gefühl, daß es dem Ende zugehen müsste, denn schließlich befand ich mich mittlerweile in dem Zustand, in dem ich keine „Lust“ mehr hatte und nach „Hilfe“ (in Gedanken) schrie.
Aber es schien nichts voranzugehen; mein Bauch sah gefühlt unverändert aus. Ich versuchte das Köpfchen im Geburtskanal zu ertasten, aber ich konnte nichts ertasten. Ich war sehr demotiviert und sah kein Ende. Ich überlegte, wer mich motivieren könnte, wen ich von meiner Geburtsliste (Freundinnen die selbst Alleingeburtserfahrung haben, darunter auch 2 Hebammen und eine Ärztin) anrufen könnte. Schließlich entschied ich mich, weiterhin in Bewegung zu bleiben. Stehen. Hocke. Beckenkreisen. Schreien. Atmen. Ich motivierte mich mit Mantren aus meiner Geburtsvorbereitung: „Jede Wehe bringt mich meinem Kind ein Stück näher!“ „Wir schaffen das, mein Kind! Koooomm. Jaaa, kooomm!“.
Ruhte mich im warmen Wasser aus. Dann nahm ich die Froschposition mit dem Rücken am Wannenrand ein, schrie und presste. Plötzlich ertastete ich etwas für mich Undefinierbares und überlegte was es sein könnte: Die Fruchtblase? Ein Körperteil? Meine Eingeweide?
Meinen Mann wollte ich nicht zum Nachschauen rufen, da ich Sorge hatte, daß die Geburt gefährdet werden, bzw. sie stagnieren könnte. Ich sammelte mich und gab mich dem letzten Pressen hin, hielt mit der einen Hand meinen Damm, der so hart und prall wie ein Ball war, mit der anderen Hand umfasste ich das Etwas und begleitete es sanft heraus.
Da ich noch immer von einer Schädellagengeburt ausging, hielt ich mein Kind zunächst mit dem Kopf nach unten, schaute den Po an und wunderte mich sehr über diesen komischen Kopf (Das Licht war sehr gedämpft) bis ich merkte, dass es der Po war. Ich drehte das Kind und realisierte, daß ich soeben mein Kind, was vor wenigen Stunden noch mit dem Köpfchen unten gewesen, nun in Beckenendlage auf die Welt gebracht hatte.
Meinen Mann rief ich gegen 5 Uhr an und sagte ihm, daß unser Kind da ist. Er hatte sich während der Geburt unermüdlich um unser jüngstes Kind gekümmert, welches erst punktgenau eingeschlafen war, als ich meinen Mann anrief. Die anderen beiden schliefen und bekamen von der Geburt nichts mit. Es war eine sehr aufregende und beeindruckende Geburt und ich kann im Nachhinein sagen: es war alles genauso richtig, wie es war.
Ich habe mich intensiv im Voraus mit dem Thema Alleingeburt beschäftigt und auch ein Seminar bei Sarah Schmid, zum Thema „Geburtshilfliche Notfälle“, besucht. Meine Intuition und die Vorbereitung auf eine Alleingeburt haben mir die Stärke und das Selbstvertrauen gegeben, welches ich für diese Geburtsreise brauchte.
Mein erstes Kind und ich mussten vor 13 Jahren eine traumatische Beckenendlagegeburt erleben. Die Geburt wurde ET+9 mit Cytotec eingeleitet. Die Begründung war (obwohl ich eine hervorragende Schwangerschaft hatte und auch die Werte und Fruchtwassermenge sehr gut waren), daß das Fruchtwasser schlecht werden und es dann zu einem Kaiserschnitt kommen würde. Ich wollte auf jeden Fall “auf normalem Wege” gebären und somit hat die damalige Ärztin genau den richtigen Angstknopf bei mir gedrückt, denn einen Kaiserschnitt wollte ich nicht.
Aus heutiger Sicht, mit meiner Erfahrung und dem Wissen welches ich jetzt habe, hätten meinem Kind und mir diese unnötigen Interventionen und das damit verbundene Geburtstrauma erspart bleiben können. All meine Schwangerschaften waren wunderbar und ich liebte es bis zum Schluss, Guter Hoffnung zu sein.
Meine Gedanken, warum die erste und letzte Schwangerschaft mit einer BEL endete, sind:
Bei der Ersten konnte ich nicht loslassen, weil ich große Angst und Sorge vor der Veränderung mit Kind hatte und wir eine liebevolle Verbindung durch meinen Körper hatten.
Bei der Letzten konnte ich nicht loslassen, weil ich dieses Gefühl der Schwangerschaft, die meine letzte sein soll, noch ganz lange bei mir behalten wollte und die Verbindung mit meinem Kind durch meinen Körper noch lange spüren wollte.
Durch meine zwei unterschiedlich erlebten BEL-Geburten konnte ich erfahren, daß ich alles schaffe, wenn ich es will und auf meine Intuition höre. Bauchgefühl: das ist etwas, was wir Frauen in der „Zeit der Guten Hoffnung“ und während der Geburt brauchen. Für uns und unsere Kinder.
Eine Freundin sagte: „Erstaunlich, wieviel Vertrauen ein Kind in Beckenendlage haben muss, dass es sich blind auffangen lässt, ohne vorher einen Blick in die Welt zu wagen.“
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Text © Annett
Beitragsbild © Keith Cassill Pexels