Glauben sie wirklich es ginge beim Gebären um die Wohnzimmeratmosphäre?

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung veröffentlichte am 24.10.17 eine spannende Meldung unter dem Titel „Im heimischen Flair zur natürlichen Geburt“ und ich frage mich ernsthaft: Glauben sie wirklich es ginge beim Gebären um die Wohnzimmeratmosphäre???

Wie der Meldung des BmBF zu entnehmen ist, strebt also eine Wissenschaftlerin aus Halle eine Studie an, die herausfinden soll, ob ein alternativer Gebärraum die Chance auf eine natürliche Geburt erhöht. 1,1 Millionen Euro werden dafür bereit gestellt. Es ist geplant, zwölf geburtshilfliche Einrichtungen mal etwas anders auszustatten, nämlich mit „… Snackbar, einen Esstisch und Stühle, Kissen, eine Matratze, DVDs mit Naturszenen, ausreichend Platz für Bewegung, eine Ruhezone und Angebote zur Entspannung.“

Echt jetzt?

Solche materiellen Kleinigkeiten sollen nun das Ruder rumreißen und die viel zu hohe Kaiserschnittrate in Deutschland senken? Oder anders gefragt: Ist die Kaiserschnittrate von 32% tatsächlich durch das Fehlen von Snackbar, Esstisch, Stühlen, Kissen, Matratze und co. entstanden?

Es kommt ein bißchen der Eindruck auf, dass man uns Frauen nur ein gemütliches Räumchen zur Verfügung stellen muss und dann würde das schon klappen. Vielleicht noch eine Kerze. So ein bißchen Romantik halt. Das kennt man ja von diversen Ratgeberempfehlungen aus „Wie kriege ich eine Frau rum?“  Mach es ihr schön gemütlich und zünde eine Kerze an, dann wird sie sich dir willig hingeben. *Ironie aus*

Nein, im Ernst. Bei dieser Studie geht es natürlich auch darum, dass „… die Frauen sich wohlfühlen, frei bewegen können und selbst bestimmen können, was gut für sie ist.“  Das ist natürlich auch aus meiner Sicht absolut zu befürworten. Aber liest man dann weiter, erfährt man in der Meldung „…Dass sie sich in einem Kreißsaal befinden, sollen die werdenden Mütter gar nicht erst wahrnehmen. Daher befindet sich das Kreißbett an einer Wand – verdeckt hinter spanischen Gardinen.“  Wie schön! Sie glauben also, man könne uns Frauen geschickt austricksen.

Vor meinem inneren Auge taucht gerade eine Szene auf, wie sie die Innenarchitektin Eva aus „Zu Hause in Glück“ in die nächstbeste Möbel- und Dekorationsabteilung schicken und sehe ihr dabei zu, wie sie hübsch den Esstisch dekoriert, das Kreissaalbett  hinter einem edlen Satinstoff verschwinden lässt und die Kerzen anzündet, bevor ich den alternativen Gebärraum betrete. Ich überlege, ob mir das gefallen könnte. Doch dann schüttelte ich energisch den Kopf.

Nein, das überzeugt mich nicht!

  • Erstens, mein Zuhause ist mein Zuhause, selbst wenn die Eva exakt die selben Möbelstücke arrangieren würde.
  • Zweitens, mein Zuhause ist mein Zuhause, weil ich hier die Chefin bin.
  • Drittens, an einem anderen Ort benehme ich mich immer reservierter und gehemmter als zu Hause.
  • Viertens, in meinem Zuhause kann ich andere Menschen, die mich stören vor die Tür setzen.
  • Fünftens, mein Zuhause ist ein Raum der Liebe. Hier erfahre ich Liebe,  hier gebe ich Liebe und hier mache ich Liebe.
  • Sechstens, die tief empfundene Sicherheit, die ich beim Gebären brauche ist schwer empfindlich. Sie spürt nämlich die unoffensichtlichen Dinge auf. Was auch immer versteckt gehalten wird, es wird ihr nicht entgehen. Das ist das große Los der Empfindlichen, Hochsensiblen und Introvertierten, die für Nichtgezeigtes/Nichtgesagtes enorm feine Antennen haben.

Mir wäre also rein räumlich betrachtet mit diesem Angebot aus der Forschungsstudie nicht geholfen. Was aber nicht ausschließt, dass dieses Angebot anderen Frauen helfen könnte.

Aber wenn ich weiter überlege, dann stellt sich mir die Frage: Wie soll denn der alternative Gebärraum vor all den Übergriffen schützen, die das Bundesministerium an anderer Stelle längst festgestellt hat? Ich meine konkret die extrem hohe Interventionsrate von 92% bei „natürlichen“ Geburten, also die Tatsache, dass man Frauen einfach nicht in Ruhe gebären lässt sondern immer irgendwie eingreifen muss?

Und eine andere Frage wäre: Wie kann denn eine Gebärende in einem alternativen Gebärraum selbst bestimmen, wenn die Leitlinien der jeweiligen Geburtseinrichtung damit in Opposition stehen? Konkret: Was nützt mir eine Wohnzimmeratmosphäre, wenn ich bei ET+3 zu einer Untersuchung gezwungen werde, welcher in den Folgetagen zu  einem Überwachungsstress ausartet und in einer Geburtseinleitung endet? Wie soll ein wohnzimmergemütlicher Kreissaal vor einem venösen Standardzugang im Handrücken schützen? Wie könnte dieser Raum vor permanenten Muttermund-Untersuchungen und CTG-Kontrollen bewahren?

Wie kann mir eine Snackbar, Esstisch und Stühle die Zuversicht geben, die ich für eine Natürliche Geburt brauche?

Du merkst es sicher schon, ich bin der Überzeugung, dass das Gebärglück als solches nicht allein von einem räumlichen Setting abhängt. Es sind viel mehr die immateriellen Dinge, die uns das Glück einer natürlichen Geburt erleben lassen. Dinge die leider nicht messbar sind. Vertrauen, Zuversicht, Liebe und Geduld sind eben nur feinstoffliche Energien und stehen leider nicht im Fokus der Wissenschaft. Für die Wissenschaft zählt wieder nur das Greifbare.

Schade, dass man uns Frauen immer noch für so einfach gestrickte Geschöpfe hält, die mit ein bißchen Interiordesign zu ködern sein sollten. Ich hätte stattdessen befürwortet, die 1,1 Millionen Euro zu investieren, um die hohe Interventionsrate zu senken, damit Gebärende wirklich aus eigener Kraft die  Geburt meistern können.

 

Was denkst Du? Ist die Wohnzimmeratmosphäre überbewertet?

Hattest Du einen sekundären Kaiserschnitt und würdest einschätzen, dass das Vorhandensein von „… Snackbar, Esstisch und Stühle, Kissen, eine Matratze, DVDs mit Naturszenen, ausreichend Platz für Bewegung, eine Ruhezone und Angebote zur Entspannung“ diesen verhindert hätten?

Ich bin gespannt auf Dein Kommentar.

Deine Jobina Schenk

 

Beitragsbild © Pixabay_modi74

10 Gedanken zu „Glauben sie wirklich es ginge beim Gebären um die Wohnzimmeratmosphäre?“

  1. Danke liebe Jobina für den leidenschaftlichen Beitrag. Ich kann das alles unterstützen und denke, dass die Forschungsgelder wirklich woanders sinnvoller eingesetzt wären.
    Soweit ich mich erinnern kann, sollte ich sogar gar nichts Essen während des Geburtsvorgangs (zum Thema Snacks) und ich hatte auch keine Offenheit für irgendwelche äußeren Dinge, die mich nur abgelenkt hätten, außer denen, die mich direkt berührten. Alleingeburt war überhaupt kein Thema für mich vor 20 Jahren, aber ich kann mich noch sehr gut erinnern, dass die vertrauensvolle, ruhige, zurückhaltende Art der Hebamme für mich sehr hilfreich war.Sie hat mir vertraut und mich sanft geleitet, bis“es von alleine gebar“. Zur Unterstützung gab es Globuli, aber keine Geräte. Sicher hat die Gerätemedizin und das Äußere seinen Sinn, doch die Natur hat eine innere Weisheit, von der wir nur ahnen und die wir erst noch viel tiefer erforschen können.

  2. Danke für diesen Beitrag Jobina. Ich bin genau dergleichen Meinung. Ich wünsche mir so sehr ein weiteres Kind, doch ich habe bereits 2 Kaiserschnitte hinter mir. Meine Chancen auf eine vaginale Geburt sind nach der öffentlichen Meinung gering. Einen weiteren Kaiserschnitt über mich ergehen zu lassen möchte ich auch nicht. Ich würde mich sehr freuen Beiträge zu lesen zum Thema Geburt nach Kaiserschnittgeburten. Liebe Grüße

    1. Hallo Karin, wo wohnst Du denn? Ich weiß dass es bei uns hier erfahrene Beleghebammen gibt, die auch schon Babys nach dem 2. Kaiserschnitt normal entbunden haben. Mir hat damals eine telefonische Hebammenzentrale diese Hebammen empfohlen und somit mit der zweiten Geburt das Trauma von der ersten Geburt (Kaiserschnitt) geheilt. Ich wünsche Dir alles Gute und viel Kraft.

    2. Liebe Karin, ich hatte auch zwei Kaiserschnitt Geburten (beide Kinder BEL) hinter mir und konnte mein drittes Kind spontan entbinden. Dies Dank einer tollen Beleghebamme und gegen alle Einwände der Ärzte. Ich wurde gut überwacht (Uniklinik Halle) und musste permanent am CTG hängen. Das gab mir aber ein sicheres Gefühl. Es war eine lange, aber wunderbare Geburt in der SSW 42. Die Ärzte haben mir alles mögliche eingeredet, aber ich habe auf mein Gefühl und meine Hebamme vertraut. Ich finde diese Studie und das Vorhaben im übrigen gut, da die nicht klinische Atmosphäre angebunden an die Klinik sehr wohl zu einer geborgenen Geburt führen kann, gleich wohl das wichtigste die anwesenden Menschen sind. Bei diesem Projekt soll das Personal während der Geburt nicht wechseln, was einer Hausgeburten gleichkommt soll. Das klingt doch wunderbar! Ich kann die Kritik im Beitrag daher ehrlich gesagt nicht verstehen. Du kannst mich auch gerne privat anschreiben, wenn du Fragen zu Geburten nach Kaiserschnitten hast.

  3. Ja ich hätte gerne Snackbar, Esstisch und Stühle, Kissen, eine Matratze, DVDs mit Naturszenen, ABER nicht in Kombination mit meiner Geburt in einem Krankenhaus. Wenn es sich nicht anders vermeiden lässt und ich aus gesundheitlichen Gründen für längere Zeit im Krankenhaus sein müsste, hätte ich nichts dagegen eine komfortablere Einrichtung in den Zimmer zu genießen 😉 Die 1,1 Millionen Euro könnten bei weitem sinnvoller eingesetzt werden… DANKE für deinen Beitrag!

  4. Ganz deiner Meinung!
    Wie soll man sich zuhause und geborgen fühlen…wenn es nicht das eigene Zuhause ist?! Nur weil ich zum Urlaub in eine Ferienwohnung ziehe, bin ich ja auch nicht zuhause.
    Die haben wohl nicht verstanden, dass es um die liebe- und vertrauensvolle 1:1Betreuung geht, und sich sicher und geborgen fühlen geht um die Sectio Rate zu senken!

  5. Die Kreissäle sind doch schon super eingerichtet. Es wäre besser, wenn es eine Studie gäbe, wenn jede Frau eine eigene Hebamme des Vertrauens mit 1 zu 1 Betreuung von Beginn der Schwangerschaft über die Geburt bis nach dem Wochenbett und Rückbildung hätte. Auch wäre schön, wenn der venöse Zugang erst im Notfall gelegt wird und man nicht am Eingang des Kreissaals seine persönlichen Rechte abgeben müsste und dann nur noch zu tun und zu lassen hat, wie es der Klinikablauf erfordert und der Zeitplan vorsieht.

  6. Vielleicht gibt es Frauen, denen es einfach nicht so wichtig ist, wie sie gebären. Vielleicht gibt es sie wirklich. Diejenigen, denen es wichtiger ist, dass das Kind gesund zur Welt kommt. Diejenigen, die auf die Fachmeinung der Ärzte vertrauen. Diejenigen die auf sich selbst vertrauen. Diejenigen, die kein festgelegtes Schema x im Kopf haben, wie eine Geburt zu laufen habe (und bitte natürlich nur „natürlich“). Vielleicht gibt es diejenigen, die auch nach einem Kaiserschnitt nicht (oder nicht weniger als nach einer vaginalen Geburt) traumatisiert sind. Vielleicht gibt es diejenigen, die einfach annehmen können, was kommt.

  7. Eine adäquate Begleitung hätte sicher schlimmes verhindert. Schwierig, wenn jemand nur mal kurz reinkommt um den Wehentropf hochzudrehen, da hätte mir auch keine Snackbar geholfen. Ein offenes Ohr, ein Gespür für Situationen und eine angemessene einfühlsame Betreuung sind wesentlicher.

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